Angst & Mut

Es war einmal ein kleiner schwarzer Hund.
Dieser Hund gehörte zu einem kleinen Mädchen.

Immer wenn das Mädchen den Hund streichelte, sagte es: „Du bist mein großer, starker Hund. Du kannst mich vor allem beschützen!“
Denn das Mädchen hatte vor sehr vielen Dingen Angst.

Ständig fürchtete sie sich.
Wenn sie mit ihrer Mutter einkaufen ging, fürchtete sie sich vor den vielen Autos und den vielen fremden Menschen.
Wenn sie am Spielplatz war, hatte sie Angst, irgendwo runterzufallen und sich zu verletzen.
Im Kindergarten hatte sie Angst davor, dass sie etwas falsch machen könnte und dass die anderen Kinder sie dann auslachen würden.
Aber wenn der kleine schwarze Hund dabei war, dann hatte sie keine Angst.

Für den kleinen Hund gab es da nur ein Problem: Er hatte auch ständig Angst…
Er fürchtete sich vor anderen Hunden und vor Katzen und Spinnen und Schlangen und vor fast allen anderen Tieren.
Er fürchtete sich vor der Dunkelheit und auch Gewitter machten ihm Angst.
Aber wenn das kleine Mädchen bei ihm war, dann versuchte er, mutig zu sein.
Denn er wusste, dass sie Vertrauen zu ihm hatte.

Eines Tages im Herbst waren das Mädchen und der Hund gemeinsam im Park.
Die Mutter des Mädchens saß auf einer Bank und las ein Buch.
Das Mädchen und der Hund spielten Fangen und rannten durch die bunten Blätterhaufen. Sie merkten nicht, dass sie sich immer weiter von der Bank entfernten, auf der die Mutter saß.
Sie lachten und spielten und bewarfen sich gegenseitig mit Blättern.
Bis plötzlich ein großer, böser Hund vor ihnen stand und sie anknurrte.
Das Mädchen und der kleine Hund wurden starr vor Schreck.
Der große Hund fletschte seine Zähne und kam immer näher.

Das Mädchen sah den kleinen Hund an, der vor Angst noch viel kleiner geworden war und ganz schrecklich zitterte.
Der kleine Hund sah zu dem Mädchen hoch, das vor Angst schon Tränen in den Augen hatte.
Und da dachte das Mädchen: „Ich muss meinen kleinen Hund beschützen! Er verlässt sich auf mich!“
Und der kleine Hund dachte: „Ich muss mein kleines Mädchen beschützen! Sie verlässt sich auf mich!“
Und beide machten sich so groß wie sie konnten und stürmten auf den großen Hund los.
Das Mädchen schrie: „Laß meinen Hund in Ruhe du großes böses Biest!“
Und der kleine Hund bellte wie wild und versuchte, den großen Hund ins Bein zu beißen.
Der große Hund erschrak über den ganzen Lärm, den die beiden machten und auch die Mutter auf der weit entfernten Bank hörte die beiden und lief zu ihnen.
Da drehte sich der große Hund schnell um und rannte weg.

Glücklich und überrascht von ihrem eigenen Mut nahm das Mädchen den kleinen Hund in die Arme und knuddelte ihn ganz fest.
Der kleine Hund war auch ganz erstaunt, dass sie den großen Hund verjagt hatten und leckte dem Mädchen dankbar über das Gesicht.
Beide wussten nun, dass sie gemeinsam tatsächlich richtig stark waren!