Am Strand I

nach einem Bild von Peter C.

Als ob ein wütendes Kind das Boot zerknüllt und weggeworfen hätte, so lagen die Überreste am Strand.
Das Holz war von Algen und Sand überzogen und an vielen Stellen schon so verrottet, dass wir das Gefühl hatten, es würde vor unseren Augen weiter zerfallen.

„Was ist damit denn passiert?“
„Das kann doch nicht seit dem letzten großen Sturm hier liegen, oder? Der ist schon zwei Jahre her… Das hätte die Strandwache schon längst weggeräumt, bevor sich irgendein Tourist daran verletzt…“
„Und der Sturm damals war auch nicht so stark, dass es hier oben gelandet wäre.“
„Hm.“
„Schau dir mal an, wie stark es zerschmettert ist… Die Mitte fehlt komplett! Und es ist irgendwie verdreht…“
„Sollen wir das melden?“

Doch diesen Gedanken konnten wir nicht mehr weiterführen, denn mit einem ekelhaften Knirschen, von dem mir heute noch übel wird, wenn ich daran denke, sank die eine Hälfte des Bootes in sich zusammen und begrub meinen Freund, der schon in unseren Kindheitstagen derjenige gewesen war, der alles genau erforschen wollte. Und so war er – während wir geredet hatten – ganz nahe an die morsche Holzleiche herangetreten, die scheinbar nur auf diese Gelegenheit gewartet hatte, um ihn zu verschlingen.

Der Schrecken lähmte mich einige Sekunden lang und nochmal die selbe Zeit brauchte ich, um meine Beine davon zu überzeugen, dass sie auf das faulige Holz zulaufen sollten, statt so schnell wie möglich davor zu flüchten.
Aber dann war ich auch schon bei dem Verschütteten und fiel auf Händen und Knien in den Sand. Dabei berührten meine Finger etwas von dem zerbröselten Holz, das den Boden und alles, was ich von meinem Freund sehen konnte, bedeckte. Angewidert zuckte ich zurück.
Die Stücke waren feucht, fast schleimig und doch bröckelig wie alter Teig.
Aber mein Freund bewegte sich nicht mehr und so überwand ich meinen Ekel und griff beherzt mit beiden Händen nach dem größten Stück Holz, das über seinem Oberkörper und seinem Kopf lag.
Es ließ sich so mühelos heben, dass ich kurz überzeugt war, es könnte ihn unmöglich schwer verletzt haben – aber das erwies sich als vollkommen falsch. Oder auch nicht.
Denn verletzt hatte das Holz ihn nicht. Nicht in dem Sinn, wie wir Verletzungen normalerweise definieren.
Sein Mund und seine Nase und auch das eine Ohr, das ich sehen konnte (und ich vermute, bei dem anderen war es genauso, aber ich konnte mich nicht dazu durchringen, seinen Kopf zu bewegen), waren mit Holzbrocken verstopft.
Seine Augen waren weit geöffnet und er blickte ins Leere. Das Weiße darin war bereits modrig braun.

Als ich eine halbe Stunde später mit der Strandwache zurückkam, war mein Freund verschwunden.
Das Boot war noch da und es sah satt und zufrieden aus.

Die Strandwache meinte, sie würden es absichern und am nächsten Tag entsorgen.
Und ich solle in Zukunft aufpassen, welche Kräuter ich in meine Selbstgedrehten mischen würde, rieten sie mir. Doch wo mein Freund war, konnten sie mir auch nicht sagen. Das sei Sache der Polizei.

In dieser Nacht ging ich alleine zurück an den Strand.
Ich zündete das Boot an und blieb bei ihm, bis der letzte seiner Schreie verstummt war.

 


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