Der Traum

Erschöpft von der langen Fahrt schließt er die Türe hinter sich und sperrt damit die Geräusche des nächtlichen Waldes aus. „Wie gut, dass der Verwalter das Holz schon in den Kamin geschlichtet hat.“ denkt er bei sich. „Jetzt muss ich es nur noch anzünden und dann ist es hoffentlich bald etwas wärmer hier. Ich muss verrückt gewesen sein, im Oktober hier herzukommen in diese gottverlassene Blockhütte.“ Kopfschüttelnd kniet er sich auf den kalten Steinboden, zerknüllt die mitgebrachte Zeitung, stopft sie zwischen die Holzscheite und entfacht ein gemütliches Feuer.
Dann lässt er sich in den Ohrensessel fallen, streift die schweren Wanderschuhe ab und seufzt behaglich. „Kurz ausruhen, dann hol ich den Koffer aus dem Auto und mach Abendessen...“ ist sein letzter Gedanke, bevor ihm die Augen zufallen.

Erschrocken richtet er sich auf. Wo ist mein Handy? Er greift ins Leere. Ich muss eingeschlafen sein, denkt er. Er sieht sich um. Alles ist still.
Warum ist er dann aufgewacht? Und woher der Impuls, nach dem Handy zu greifen?
Da fällt es ihm wieder ein. Das Mädchen. Da war ein Mädchen vor dem Fenster gewesen. Grade eben war es noch da – er dreht sich zum Fenster und sieht: nichts. Aber es hatte ihn vor irgendetwas warnen wollen.
Sein Herz rast.
Er versucht, sich zu beruhigen.
Es war nur ein Traum, sagt er sich. Nur ein Traum.
Trotzdem zieht er seine Schuhe an. Er wird zum Wagen gehen. Denn das Handy hat er natürlich im Auto vergessen. Aber er wird es jetzt holen. Nur zur Sicherheit.
Das Feuer ist beinahe ganz heruntergebrannt. Wie lange hat er geschlafen?
Egal.
Erst mal rasch das Handy holen, dann Holz nachlegen und dann in Ruhe ein Kakao mit Rum für die Nerven. Hoffentlich schläft er dann besser.
Die Türe klemmt. Er zieht mit aller Kraft.
Schließlich springt sie auf.
Nervös blickt er hinaus in die Dunkelheit.
Der Wagen steht nur ein paar Meter entfernt. Er zwingt sich, bewusst langsam zu gehen.
Beim Wagen angekommen, schließt er die Beifahrertüre auf, holt das Handy aus dem Handschuhfach – warum legt er es bloß immer dort hinein? - schließt die Autotüre und will zur Hütte zurückkehren.
Aber das ist nicht mehr möglich, denn die Hütte brennt lichterloh. Er reißt die Arme vors Gesicht.

Und wacht auf.
Sein Herz rast.
Er atmet tief durch, steht auf, zieht sich die Schuhe an und füllt am Waschbecken einen Eimer mit Wasser. Damit löscht er das Feuer im Kamin. Dann schüttet er zur Sicherheit noch einen zweiten Eimer Wasser auf die Asche.
Anschließend verlässt er die Hütte, setzt sich in sein Auto und fährt wieder nach Hause in die Stadt.