Freude

Das Läuten der Schulglocke unterbricht den Lehrer mitten im Satz.
Er versucht noch fertigzusprechen, aber gegen den Lärm der fast schon jugendlichen Schüler, hat er keine Chance. Alle wollen nach dieser letzten Stunde so schnell wie möglich raus in die Sonne.
Niclas, der in der ersten Reihe sitzt, hört den Lehrer noch irgendwas rufen „denkt an die Hausübung für morgen!“ und sieht ihn dann lächelnd den Kopf schütteln.
Auch der Lehrer freut sich auf den schönen Frühlingsnachmittag.

Niclas kann sich nicht so wirklich freuen.
Die Hausübung, die morgen fertig sein soll, haben sie schon letzte Woche bekommen – aber Niclas hat noch nicht einmal angefangen.
Sie sollen einen Aufsatz über die Frage „Was ist Freude?“ schreiben.
„Wie kommt der Lehrer auf so eine Frage?“ murmelt Niclas auf dem Heimweg vor sich hin. „Sind wir Philosophen oder was?“
Das Problem ist, dass es zur Zeit in Niclas‘ Leben nicht besonders viel gibt, worüber er sich freut.
Seine Eltern sind gestresst, sie streiten ständig miteinander und mit ihm – und das Ergebnis vom letzten Streit mit seiner Mutter ist, dass er Hausarrest hat und an diesem herrlichen Frühlingstag direkt nach Hause gehen muss.
Seine Mutter weiß, dass das für Niclas eine besonders schwere Strafe ist, denn er liebt die Natur und ist normalerweise bei jedem Wetter draußen.

Um wenigstens kurz die Sonne genießen zu können, geht Niclas einen kleinen Umweg und betrachtet die Schaufenster, an denen er vorbeikommt.
Plötzlich entdeckt er ein neues Geschäft in einem Haus, das lange leer gestanden hat und ihm kommt eine Idee.

Als er eintritt, klingelt über der Türe ein Glockenspiel. Niclas atmet tief ein und lächelt. Er kann gar nicht anders – der Duft in einem Blumenladen ist einfach wundervoll!
Immer wenn er mit Blumen zu tun hat, muss er lächeln, egal, wie es ihm sonst grade geht.
Schon als er noch ein Baby gewesen ist, haben Blumen ihn zum Lächeln gebracht, erzählt seine Mutter immer. Und dabei lächelt sie auch.
Wenn er ihr jetzt also Blumen schenkt, wird sie ihm vielleicht verzeihen und den Hausarrest aufheben…

„Guten Tag junger Mann!“ begrüßt ihn der ältere Herr hinter der Theke freundlich. „Für den Muttertag bist du noch etwas früh dran!“
„Ja, da haben sie recht. Aber ich möchte meiner Mutter trotzdem heute schon Blumen mitbringen.“ antwortet Niclas. „Ich hätte gerne eine Calla und ein paar von den Nelken und drei Gerbera in verschiedenen Farben. Dazu dann bitte Bärengras, wenn sie welches haben.“
„Na du kennst dich aber gut aus!“ meint der Verkäufer erstaunt.
Niclas wird ein wenig verlegen. „Ja, Blumen haben mich schon immer interessiert. Schon als Baby hab ich immer vor Freude gestrahlt, wenn man mir eine Blume gezeigt hat, erzählt mir meine Mutter immer.“
„Das ist schön! Mir geht es genauso, deshalb habe ich ja diesen Blumenladen eröffnet.“ Der Mann lächelt. „Das Geschäft macht mir Freude und wenn Menschen hier einkaufen, dann weiß ich, dass sie mit dem, was sie kaufen, anderen eine Freude machen.
Weißt du, Freude ist ein Geschenk Gottes. Sie ist etwas, was mehr wird, wenn man sie weiterschenkt. Und sie bleibt.
Wenn du deiner Mutter Blumen schenkst, dann werden die Blumen verwelken. Aber deine Mutter wird sich an das Geschenk, an die Farben und den Duft erinnern und die Freude darüber, dass du ihr die Blume geschenkt hast, die wird bleiben.“

Niclas denkt nach. „Das was sie gerade gesagt haben… - darf ich das vielleicht in meiner Hausübung verwenden? Wir sollen etwas über das Thema Freude schreiben und mir ist bisher nichts eingefallen…“
„Natürlich, sehr gerne! Aber nur, wenn du mir nachher erzählst, welche Note du bekommen hast!“
„Vielen Dank!“ Niclas nimmt den Blumenstrauß entgegen und bezahlt.
Bevor er das Geschäft verläßt, dreht er sich noch einmal um.
„Im Sommer darf ich vielleicht schon einen Ferialjob machen, wenn meine Mutter das erlaubt – dürfte ich mich dann bei ihnen bewerben? Mit Blumen zu arbeiten, wäre echt mein Traum…“
„Es wäre mir eine große Freude! Bring einfach deinen Lebenslauf vorbei und dann unterhalten wir uns darüber.“

Am Abend liegt Niclas im Bett und denkt darüber nach, was er am Nachmittag erlebt hat.
Seine Mutter hat sich wirklich sehr über die Blumen gefreut und sie haben sich versöhnt.
Er hat auch ihre Erlaubnis bekommen, sich für einen Ferialjob im Blumenladen zu bewerben und seine Hausübung für morgen ist ihm superleicht gefallen.
Der Blumenhändler hat wohl recht gehabt - Freude wird wirklich mehr, wenn man sie teilt.
Und was hatte er noch gesagt? „Freude ist ein Geschenk Gottes“
Hm. Da würde Niclas ihn beim nächsten Mal bitten, noch mehr zu erzählen. Es interessiert ihn, woher diese Freude kommt, die das Leben so plötzlich von einem Moment auf den anderen verändern kann.