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Dranbleiben

Glauben heißt: sich an etwas festmachen, festhalten, dazu stehen, dafür einstehen und sich dazu bekennen - es bedeutet: vertrauen.
Wenn ich mich an etwas festhalten möchte, muss ich mich darauf verlassen, dass es mich halten wird.
Aber wie soll ich an Gott glauben und Ihn mir als jemanden vorstellen können, dem ich mein ganzes Leben anvertrauen kann, wo ich doch täglich erfahren muss, dass nichts wirklich fest ist?

Denn die Welt um mich herum verändert sich ständig.
Wälder verschwinden, Tiere sterben aus; Uralte Bauwerke stürzen ein oder werden zerstört; die Technik überholt uns rasend schnell; soziale Strömungen sind kaum noch erfassbar; Nachrichten überfluten uns im Sekundentakt...
Und auch im persönlichen Leben hat nichts Bestand.
Das von klein auf geliebte Haustier wird überfahren; die Eltern lassen sich scheiden; Großeltern sterben; die Beziehung mit „dem Richtigen“ hält kaum vier Jahre; Freundschaften gehen auseinander; die Arbeitssituation wird unerträglich; ein geliebter Mensch kämpft gegen eine schwere Krankheit; der eigene Körper erweist sich als zerbrechlich...
Das Leben lehrt mich, dass nur eines sicher ist: die Vergänglichkeit.
Darauf kann ich mich verlassen, das kann ich glauben: dass alles brüchig ist und irgendwann verschwunden sein wird.
Und dann kommt da einer, der sagt „Alles ist möglich, dem der glaubt.“ und „Glaubt an Gott und glaubt an mich!“

In mir schreit es: ja, das ist es! Da ist wirklich jemand, an dem ich mich festhalten kann! - und die Sehnsucht ist so stark, dass ich zu Ihm rennen und mich Ihm in die Arme werfen möchte; weinend und bekennend „Ja, ich glaube!“
Aber ein anderer Teil in mir ruft mindestens genauso laut: Vorsicht! Das kann nicht wahr sein; du wirst wieder enttäuscht, denn es gibt nichts, was so fest ist, dass es dich halten kann.

Diesen Konflikt finde ich auch in der Jahreslosung für 2020 wieder.
Sie ist aus einer Stelle, an der von einem Vater und seinem Sohn erzählt wird. Aus heutiger Sicht würden wir vermutlich sagen, der Sohn hat epileptische Anfälle - in der Bibel wird es so beschrieben, dass ein böser Geist von ihm Besitz ergreift und ihn hin und her reißt.
Genauso wird der Vater hin und her gerissen zwischen seinen Erfahrungen, dass bisher nichts und niemand helfen konnte und der Hoffnung auf diesen einen Mann, von dem gesagt wird, Er könne jeden heilen.
Aber nicht einmal die Jünger dieses Mannes konnten etwas tun - wird ihr Herr dazu in der Lage sein?
Die Anspannung zerreißt ihn beinahe.
„Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ schreit sie aus ihm heraus.

Wie oft habe ich das schon erlebt...?
Zeiten, wo die Vergangenheit belastend, die Gegenwart kaum zu ertragen und die Zukunft beängstigend ist; die vollkommene Hilflosigkeit, wenn ich erkenne, was ich alles nicht in der Hand habe.
Dann übertönt meine „Lebenserfahrung“ das, was ich von Jesus gehört habe und sie ist deutlicher als die Erinnerung an alles, was Gott in meinem Leben bisher getan hat - und der Zweifel wächst.
Aber die Sehnsucht danach, dass Jesus recht hat, die verstummt nicht.
Und so stehe ich vor der Frage, wie ich glauben kann, wenn ich doch nicht glauben kann.

In solchen Zeiten - das ist mir mittlerweile zu einer Gewissheit geworden - ist „Glaube“ eine Frage der bewussten Entscheidung.
Bleibe ich passiv und warte darauf, dass Gott mir Seine Existenz zeigt, indem Er für mich wahrnehmbar in mein Leben eingreift?
Oder wende ich mich aktiv an Ihn, auch wenn ich mir total unsicher bin, welche Antwort mich erwartet - aber im Vertrauen darauf, dass es eine Antwort geben wird?

Für mich war es bisher immer der Weg der aktiven Kommunikation, der mich weitergebracht hat.
„Aktiv“ bedeutet in diesem Fall, dass ich Gott klar gesagt habe, wie es mir geht. Ich habe alles vor Ihm ausgebreitet: Enttäuschung und Wut, dass ich mir das alles anders vorgestellt hatte und dass ich an Seinem Wirken zweifle, weil ich Seine Gegenwart nicht mehr spüre.
Das konnte ich tun, weil unser ehemaliger Pastor in einer dieser Phasen zu mir gesagt hat: „Gott hält das aus!“

Er hat mir auch beigebracht, dass es für Zeiten der Glaubenszweifel wichtig ist, „Meilensteine“ zu haben, an denen man sich festhalten kann.
In Zeiten wo ich fest im Glauben stehe, lege ich also Steine aus - in Form von Texten, Bildern oder Gegenständen - und wenn der Boden unsicher wird, hole ich sie als greifbare Zeugen für Gottes Spuren in meinem Leben hervor.

Mit solchen „Meilensteinen“ befindet man sich übrigens in guter Gesellschaft: vielen Gottesbegegnungen im AT folgt das Aufrichten eines Altars, durch den man sich an das Ereignis erinnert!
Und auch sonst gibt es in der Bibel viele Stellen, die zu zweifelnden und verzagten Menschen sprechen - also auch zu jedem, der heute mit diesen Gefühlen kämpft.
Einige dieser Verse habe ich ausgedruckt (z.B. Joh 15,15; 1. Joh 2,14.20; 1. Joh 3,1; 2. Kor 1,21-22; Ps 27,10; Ps 34,19; Jes 41,10; Jes 54,10; Jes 63,16; Jer 29,11; Jos 1,9;) und nehme sie zur Hand, wenn die Zweifel stärker werden.

Dabei habe ich schon erlebt, dass allein das Lesen eines einzigen Verses mein Herz mit Zuversicht überflutet hat; aber es gab auch Zeiten, wo ich gelesen, gebetet und gerungen habe, ohne irgendeinen Hoffnungsschimmer zu sehen. Wochen und Monate sind vergangen, ohne dass ich Gott wahrgenommen hätte.
Aber ich bin drangeblieben - manchmal beinahe trotzig gegenüber den Zweifeln - und habe mich an meinen Meilensteinen, an der Bibel und an der Gemeinschaft meiner Glaubensgeschwister festgehalten.

Wenn diese Hartnäckigkeit alleine bewirkt hätte, dass die Zweifel verschwinden, dann würde ich mich berechtigterweise fragen, ob „Glaube“ nicht nur ein subjektiv erzeugtes Gefühl ist.
Aber das Dranbleiben war nur das nach außen sichtbare Zeichen für den Kern meiner Entscheidung: ich wollte und ich will glauben, dass Gott wirkt.
Alle Meilensteine, das Lesen in der Bibel, die Gottesdienstbesuche - all das hatte nur den Sinn, dass ich meinen Blick in die Höhe und in die Weite richten konnte, über die vergängliche Welt hinaus; dass ich der Sehnsucht Raum geben konnte und sie nicht von den Zweifeln erstickt wurde.
In diesem Raum war aber nicht nur die Sehnsucht ganz deutlich spürbar, sondern auch meine eigene Ohnmacht. Es gab nichts, was ich jemals hätte tun können, um diesen Zustand des Zweifelns zu ändern. Das einzige, was ich tun konnte, war durchzuhalten und Gott - mit all meiner Verzweiflung - um Hilfe zu bitten.

Und dann gab es immer einen Moment, den ich nie mit einer bestimmten Handlung oder äußeren Umständen in Verbindung bringen konnte, an dem alles anders wurde.
Manchmal sanft wie ein leichter Sommerregen, manchmal wie ein kräftiger Windstoß, der Fenster und Türen aufreißt, kam dann die Gewissheit in mein Herz, dass Gott da ist.
Seine Gegenwart wieder zu spüren - welch ein Segen!

Rückblickend hat sich jedes Mal gezeigt, dass die Zweifel in irgendeiner Weise wichtig gewesen sind.
Es scheint, dass wir Menschen nicht ohne Schmerzen wachsen können und so lerne ich, mit diesen Zeiten zu leben.
Gott hat mir Werkzeuge in die Hand gegeben, um sie zu überstehen und daran zu reifen und Er gibt mir die Kraft, diese Zeiten durchzustehen.
Es ist meine Entscheidung, ob ich Gottes Einladung annehme und glauben möchte. Und es ist Gottes Geschenk, dass ich glauben kann.

Und weil die Sehnsucht in mir davon Zeugnis ablegt, dass ich ohne Ihn nicht sein kann und will, deshalb ist mein Gebet in Zeiten des Zweifels ganz im Sinn der Jahreslosung:
„Gott, ich will glauben - bitte hilf mir, dass ich glauben kann.“

 

veröffentlicht in der Zeitschrift "miteinander unterwegs" 01/2020 (Oncken Verlag)