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Die Blickrichtung prägt den Weg - 20.10.2019 

Lesung: Mt 14,22-33

Wahrscheinlich sind viele von euch als Kind gerne mit dem Fahrrad gefahren und einige lieben das Fahrradfahren noch heute! Und diejenigen, denen es nicht so geht, haben es vermutlich zumindest irgendwann einmal probiert. Also ich denke, ich kann davon ausgehen, dass fast jeder hier das Gefühl kennt, im Sattel zu sitzen - den Lenker fest in der Hand - und in die Pedale zu treten.

Ich möchte euch jetzt bitten, dass ihr euch vorstellt, dass es ein wunderschöner Herbsttag ist, die Sonne scheint, die Blätter sind bunt - alle Schattierungen von gelb und rot, die Luft riecht nach Laub, in der Sonne ist es warm, im Schatten schon etwas kühl...

Und du fährst auf dem Fahrrad auf einem geraden und ebenen Radweg durch eine wunderschöne Landschaft. Neben dir ein Fluss, die Sonnenstrahlen glitzern auf dem Wasser, du spürst den Wind, riechst die Blätter und schaust herum, während deine Beine ganz automatisch gleichmäßig in die Pedale treten... - und dann siehst du beim anderen Ufer drüben eine Bewegung an der Wasseroberfläche. Du versuchst, genauer hinzuschauen, zu erkennen, was das ist - ein großer Fisch, ein Biber, ein Fischotter?
Und plötzlich rutscht dein Vorderreifen über das Gras und du musst den Lenker verreißen, damit du wieder auf den Weg zurückkommst.

Weil du dich auf das konzentriert hast, was da drüben im Wasser passiert, haben deine Hände automatisch in diese Richtung gelenkt und du bist vom Weg abgekommen.

So eine Erfahrung hat Petrus in dem Text den wir grade gehört haben, auch gemacht.
Zuerst hat er sich ganz auf Jesus konzentriert - „Herr, befiel mir, auf dem Wasser zu dir zu kommen!“ - und er ist tatsächlich ein paar Schritte auf dem Wasser gegangen! Er war auf einem wundervollen Weg!
Aber dann hat etwas anderes seine Aufmerksamkeit abgelenkt.
Als er den starken Wind sah, fürchtete er sich und begann zu sinken.“ so beschreibt es Matthäus.

Aber gehen wir zuerst noch ein Stück zurück zu der Situation, die Petrus dazu gebracht hat, mitten im Sturm auf dem Wasser gehen zu wollen.
Die Jünger sind schon einige Zeit mit Jesus unterwegs und sie haben mehrere Wunder miterlebt - grade eben hat Jesus eine große Menschenmenge mit einer winzig kleinen Menge an Nahrung satt bekommen.
Und es ist noch nicht lange her, dass die Jünger am eigenen Leib erfahren haben, dass Jesus die Macht hat, einen gewaltigen Sturm zum Schweigen zu bringen (Matthäus berichtet davon in Kapitel 8).
Die Jünger kennen Jesus.
Sie vertrauen Ihm.
Und deshalb fahren sie mit dem Boot auf den See hinaus, als Jesus Ihnen sagt, dass sie schon mal vorausfahren sollen.
Jesus selber schickt währenddessen die vielen Menschen nach Hause, die sich versammelt haben und dann geht Er alleine auf einen Berg, um zu beten.

Die Jünger sind auf dem See, der Wind „steht ihnen entgegen“, große Wellen türmen sich auf und es ist schon mitten in der Nacht.
Ich weiß von einigen hier, dass für sie das Ereignis, wo Jesus den Sturm beruhigt, sehr wichtig ist.
Auch für mich ist es ein ganz starkes Bild. An meiner Tasche habe ich dieses kleine Boot aus Metall hängen und wenn ich in schwierigen Situationen bin, dann greife ich zu diesem Boot und erinnere mich daran, dass Jesus in jedem Sturm bei mir ist.

Aber in diesem Sturm, von dem Matthäus hier berichtet, ist Jesus nicht mit den Jüngern auf dem Boot.
Er ist nicht da.

Für die Jünger war Jesus ganz Mensch, so wie sie selbst. Wenn Er nicht bei ihnen war, dann hatten sie auch nicht das Vertrauen, dass Gott, dass der Heilige Geist bei ihnen ist.
Wenn Jesus nicht da war, dann war Er einfach nicht da.

Wenn ich mir die Situation damals vorstelle, dann sehe ich zwei Gruppen von Jüngern, die ganz unterschiedlich reagieren: da sind die einen, die früher selbst Fischer waren, die wissen, was bei einem Sturm im Boot zu tun ist. Sie halten sich fest, versuchen noch ein wenig zu steuern - und sie versuchen wahrscheinlich, die anderen zu beruhigen, die keine Erfahrungen mit solchen Stürmen haben, die ängstlich sind und sich an ihnen oder aneinander festklammern.

Wir haben die Zusage Jesu: ich schicke euch einen Beistand, bis ich wiederkomme.
Aber trotzdem gibt es wahrscheinlich auch in eurem Leben solche Zeiten, wo Jesus scheinbar nicht da ist.
Da tobt um dich herum der Sturm, es ist dunkel und alles verändert sich, der Boden ist nicht mehr sicher - und du spürst nichts von Gott, keine Antwort, keine Spur von Seiner Gegenwart.

Kennt ihr das Lied „Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt“ (von Martin Gotthard Schneider aus dem Jahr 1963)?
Wenn also eine stürmische Zeit ist, in der du die Gegenwart von Jesus nicht spürst, dann komm ins „Gemeinde-Boot“ und halt dich an den anderen fest.
Vertrau auf die Erfahrungen, die sie mitbringen und versuch, von ihnen zu lernen.
Beim nächsten Sturm bist du dann vielleicht jemand, der einem anderen Menschen Halt geben kann.

Aber irgendwann in diesem Sturm kommt der Moment, wo Jesus plötzlich spürbar da ist, wo wir Ihm begegnen.
Vielleicht erkennen wir Ihn zuerst nicht, vielleicht erschrecken wir, so wie die Jünger damals erschrocken sind, weil Er auf so ganz andere Art und Weise in unser Leben kommt, als wir es erwarten.
Aber Er ist es und Er sagt: „Fürchtet euch nicht!“

Und Petrus, der emotionale, der oft so spontan ist in seinen Reaktionen, der antwortet: „Herr, wenn du es bist, dann will ich ganz bei dir sein!“

Ein starkes Glaubenszeugnis!
Er sagt: „Jesus, wenn du mich rufst, dann lasse ich jede menschliche Sicherheit hinter mir und stürze mich mitten in den Sturm, im Vertrauen darauf, dass du mich beschützt.“
Als Jesus daraufhin sagt: „Komm!“, da macht Petrus keinen Rückzieher, sondern er steigt aus dem Boot und geht auf dem Wasser.
Solange er den Blick konzentriert auf Jesus gerichtet hält, solange er Jesu Stimme im Ohr hat, solange kann er das tatsächlich tun.
Schritt für Schritt tut er etwas, was ihm bisher unmöglich war.

Petrus will Jesus ganz nahe sein, auch wenn das bedeutet, dass er durch den Sturm hindurchgehen muss.
Jesus fordert ihn auf, alle Sicherheiten loszulassen und ganz auf Ihn zu vertrauen. Und Petrus vertraut Ihm.

Woher kommt dieses Vertrauen?
Ich habe es vorher schon erwähnt: die Jünger haben Jesus kennengelernt.
Sie waren mit Ihm unterwegs und haben miterlebt, was Er lehrt und was Er tut.
Wir haben heute nicht mehr die Möglichkeit, tatsächlich mit Jesus mitzugehen. Aber wir haben die Zeugnisse von den Jüngern und wir haben den Heiligen Geist, durch den wir erleben können, wer Jesus ist.
Und deshalb sagen auch wir heute noch: wir sind mit Jesus unterwegs.

Wenn jetzt jemand hier ist, der Jesus noch nicht so gut kennt, dann lade ich dich ein: rede nach dem Gottesdienst mit Menschen, die schon länger mit Jesus unterwegs sind! Frag sie, was sie mit Ihm erlebt haben und lies in der Bibel nach, was die Jünger von Jesus berichten.

Bei Petrus ist die Sache klar: mit Jesu Hilfe kann er auf dem Wasser gehen.
Er erlebt unmittelbar und ganz konkret, dass Jesus die Macht über alle Mächte und Gewalten hat. Er ist Gott so nahe, dass die Welt für ihn unwirksam geworden ist.

Glaubt ihr daran, dass Jesus so etwas in eurem Leben tun kann?
Glaubst du daran, dass du mit Jesus etwas tun kannst, von dem du gedacht hast, dass es niemals möglich ist...?

Zum Beispiel...
...hier vorne stehen und predigen, den Gottesdienst leiten
...oder die Gemeinde mit einem Instrument oder mit deiner Stimme im Lobpreis leiten
...den Job aufgeben und deine Berufung leben
...draußen auf der Straße oder im Park mit Obdachlosen arbeiten, Flüchtlingen helfen
...deine Stimme erheben und klar und deutlich für etwas einstehen
...dich mit jemandem versöhnen, mit dem du schon ewig zerstritten bist

Ich lade euch ein, kurz nachzudenken:
Wo gibt es in meinem Leben Situationen, wo ich das Gefühl habe, dass Jesus nicht da ist?
An welcher Sicherheit, an welcher Gewissheit halte ich stattdessen fest?
Wenn Jesus sich aber zeigt und mich auffordert: „Komm!“ - bin ich dann bereit, diese Sicherheit loszulassen und neue Schritte im Glauben zu gehen?

 

Petrus kennt Jesus so gut und er vertraut Ihm so sehr, dass er aus dem Boot steigt und über das Wasser auf Jesus zugeht - aber dann lässt er sich ablenken.
Er sieht den starken Wind, Er schaut auf die Wellen und fürchtet sich - so schreibt Matthäus.
Vielleicht denkt er: „Was mache ich da eigentlich? Ich bin doch nicht Jesus, ich bin nur ein normaler Mensch und Menschen können nicht auf dem Wasser gehen!“
Die menschliche Sicht der Dinge holt ihn ein.

Dass dem Petrus das passiert, ist für mich irgendwie beruhigend, denn es zeigt, dass ich nicht die einzige bin, der es so geht.
Immer wieder sage ich „Ja“ zu Jesus, immer wieder verspreche ich, dass ich Ihm vertraue - aber auch wenn ich dann neue Schritte tun kann, lasse ich mich trotzdem immer wieder ablenken.
Dieser starke Wind, die hohen Wellen, das sind Situationen, die bestimmte Gefühle in uns auslösen.
Wenn diese Gefühle auf uns einstürmen, dann ist es wichtig, wie wir darauf reagieren.
Petrus hat den Blick von Jesus abgewendet, er hat sich von dem beeindrucken lassen, was ihm Angst gemacht hat.

Einsamkeit ist auch etwas, was uns ganz leicht ablenken kann. Manche Menschen versuchen, das Gefühl vom Allein-Sein mit Essen oder mit Alkohol zu lösen.
Oder das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit - da geht man dann ein neues Kleid kaufen, ein neues Auto - und dann versinkt man im Konsumrausch oder auf einer Party oder man lebt nur noch für die Arbeit, weil man dort Anerkennung bekommt.
Unsicherheit - dass unbedingt eine bestimmte Summe Geld zum Leben notwendig ist, dass man die gewohnte Umgebung nicht verlassen kann, weil die Welt so gefährlich ist.
Es muss auch nicht immer etwas Negatives sein, was unseren Blick von Jesus wegzieht. Es kann genauso wie bei dem Bild vom Radfahren am Anfang, etwas Faszinierendes sein, ein neuer Weg, der einen neugierig macht und scheinbar viel schöner und besser ist, als alles andere.

Diese Gefühle, dieser starke Wind und die hohen Wellen, die wollen uns einreden, dass wir eben NICHT auf dem Wasser gehen können. Nicht einmal dann, wenn Jesus sagt, dass wir es können.

Was wäre gewesen, wenn Petrus die Wellen zwar gesehen hätte - aber trotzdem weiter auf Jesus vertraut hätte?
Wenn er gedacht hätte: „Ja, die Wellen sind schon ziemlich hoch, aber Jesus wird mich beschützen.“
Dann wäre er wahrscheinlich weiter auf dem Wasser gegangen, bis in die Umarmung von Jesus!

Aber die Angst war stärker - und er hat zu sinken begonnen.
Auch bei uns kommt irgendwann der Moment, wo wir merken, dass wir versinken.
Und das ist der Moment, wo wir den Lenker noch herumreißen können, wie vorhin auf dem Fahrrad.

Als Petrus gemerkt hat, dass er untergeht, hätte er auch versuchen können, wieder zum Boot zurückzuschwimmen, sich wieder an alte, menschliche Sicherheiten zu klammern...
Aber er trifft die bessere Wahl: er schreit zu Jesus um Hilfe.

Glaubenszweifel schließen uns also nicht davon aus, zu Jesus zu kommen - sie können eine neue Chance sein, Ihm ganz zu vertrauen!
Und Jesus sagt nicht: Ich wollte dir zeigen, wie man auf dem Wasser gehen kann, aber Du hast dich ablenken lassen, also schwimm jetzt gefälligst alleine zurück!
Nein, Jesus streckt die Hand aus und hilft Petrus.

Aber Er will auch, dass Petrus etwas aus der Situation lernt und deshalb spricht er das Problem an: warum hast du gezweifelt?

Und das ist auch die Aufforderung an uns: dass wir hinterfragen, warum wir an Jesus zweifeln, warum wir uns ablenken lassen.
Liegt es daran, dass ich Jesus zu wenig kenne?
Oder auch daran, dass es Bereiche in meinem Leben gibt, wo ich viel lieber auf etwas anderes schaue, als auf Jesus?

Die Voraussetzung dafür, dass wir Jesus besser kennenlernen und uns nicht so leicht ablenken lassen, ist Zeit.
Zeit, die wir mit Gott verbringen, wie heute im Gottesdienst, beim Lobpreis, im Gebet - aber auch im Alltag brauchen wir solche Zeiten.
Mir persönlich hat dabei das Buch „Abenteuer Alltag“ geholfen - ich konnte mir daraus einige Dinge mitnehmen, die mir helfen, mich auf Jesus zu konzentrieren.

Ich versuche das immer mehr, weil ich tatsächlich schon erlebt habe, dass ich im Vertrauen auf Jesus vollkommen neue Schritte tun konnte, die ich mir vorher niemals zugetraut hätte.
Und auch wenn ich danach wieder gezweifelt habe, klitschnass und voller Angst im eiskalten Wasser gelandet bin, der Sturm um mich herum getobt hat - wenn ich dann zu Jesus gerufen habe, war Er da und hat mich festgehalten!
Mit dem Blick auf Jesus bin ich auf einem guten Weg, das ist meine Erfahrung.
Nicht immer auf einem einfachen Weg - aber auf einem guten.

Eine weitere Dimension möchte ich noch mit hineinnehmen, bevor ich zum Ende komme:
Diese Frage, wohin wir schauen, betrifft nicht nur das persönliche Leben jedes einzelnen Menschen, sondern auch unsere Entscheidungen im gesellschaftlichen und politischen Bereich.
Wir haben vor kurzem eine neue Regierung gewählt und die nächste Wahl kommt bestimmt. Und auch da ist die Frage: lasse ich mich von leeren Wahlversprechen oder Angst leiten - oder schaue ich auf Jesus?
Wenn wir aufgefordert werden, bei Demonstrationen mitzugehen, Petitionen zu unterschreiben - lasse ich mich dann von gesellschaftlichen Strömungen mitreißen oder achte ich auf das, was Jesus dazu sagt?
Das erfordert viel Weisheit, weil auch manche Dinge, die auf den ersten Blick gut erscheinen, in Wirklichkeit von ganz anderen Motiven geleitet werden. Oder weil irgendwann das Argument kommt „der Zweck heiligt die Mittel“ und mit einer scheinbar guten Begründung ganz schlimme Dinge gerechtfertigt werden.
Jesus ist das Licht der Klarheit und der Wahrheit und im Blick auf Ihn können wir unter die Oberfläche schauen.
Also auch in diesen größeren Zusammenhängen ist es wichtig, worauf wir uns konzentrieren - bleiben wir auf dem Weg des Friedens, den wir seit fast 75 Jahren in unserem Land erleben dürfen!

Um es zusammenzufassen:
...Lern Jesus kennen und verbring Zeit mit Ihm!
...Wenn es schwierige Zeiten gibt, wo du Seine Gegenwart nicht spürst, dann ist es umso wichtiger, mit Menschen zusammen zu sein, die schon länger mit Jesus unterwegs sind.
...Vielleicht fordert Jesus dich in manchen Bereichen auf, deine gewohnten Wege zu verlassen und „auf dem Wasser zu gehen“ - dann konzentriere dich ganz auf Ihn und geh neue Schritte!
...Und auch wenn dich Zweifel packen und du vom Weg abkommst, dann ruf zu Jesus, Er wird dir helfen!

 

Als Jesus und Petrus zurück ins Boot kommen, legt sich der Sturm.
Jesus hat sich nicht nur als Herr über die Naturgewalten erwiesen, sondern auch als der Eine, dem wir uneingeschränkt vertrauen können.
Er möchte uns zeigen, dass wir im Glauben an Ihn einen sicheren Halt haben.
Er ist nicht den natürlichen Elementen unterworfen - nicht einmal dem Tod.
Und wenn wir zu Ihm gehören, dann wird Er auch uns von allem befreien, was vergänglich ist.
Jetzt leben wir in dieser Welt und wir sind es gewohnt, dass wir nicht auf dem Wasser gehen können, dass wir bei schwerem Sturm in Gefahr sind, unterzugehen.
Aber im Blick auf Jesus, im Vertrauen auf Ihn können wir heute schon erleben, dass es jemanden gibt, der stärker ist, als alles, was hier auf uns einstürmt.
Im Glauben an Ihn können wir Wunder erleben und Er lässt uns auch dann nicht fallen, wenn wir an Ihm zweifeln.

Und deshalb können wir gemeinsam mit den Jüngern zu Jesus sagen: Wahrhaftig, Du bist Gottes Sohn!

Amen.