Startseite > gesprochen und geschrieben > Der Hauptmann von Kafarnaum - Predigt 03 12 2017

Predigt "Der Hauptmann von Kafarnaum" - 3.12.2017

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Präsentation

Mt 8,5-13; Lk 7,1-10; Joh 4,46-54

Heute ist der erste Sonntag im Advent.
Damit beginnt wieder die Zeit, in der wir uns mit unterschiedlichen Traditionen darauf vorbereiten, den Geburtstag Jesu Christi zu feiern.
Und dabei hören und sehen wir überall um uns herum ganz viel, was auf Jesus hinweist.
Vieles ist nur oberflächlich, teilweise kitschig und manche Symbole oder Rituale haben ihren Sinn, ihren Inhalt vollkommen verloren – und trotzdem ist der Advent eine Zeit, in der Menschen manchmal ganz tief berührt werden und wo sie anfangen, nach Jesus zu fragen und nach Ihm zu suchen.

Der heutige Predigttext ist kein typischer Text für den Advent.
Aber auch hier treffen wir auf einen Menschen, auf den „Hauptmann von Kafarnaum“, der zuvor nur von Jesus gehört hat.
Und jetzt sucht er nach Ihm mit einem ganz konkreten Anliegen.
In der Art, wie Jesus und der Hauptmann einander begegnen, können wir vieles entdecken, was uns Vorbild sein kann.

Wir haben den Text in der Lesung aus dem Matthäus-Evangelium gehört, aber er wird auch bei Lukas sehr ähnlich erzählt – und in etwas anderer Form auch bei Johannes. Alle drei zeigen unterschiedliche Aspekte dieser Begegnung und gemeinsam zeichnen sie ein beeindruckendes Bild von dieser Szene.

Beginnen wir mit der Person des Hauptmanns.
Bei Matthäus und Lukas heißt es, er sei ein „römischer Hauptmann“, bei Johannes sogar, ein „königlicher Beamter“.
Auf jeden Fall ist er eine wichtige Persönlichkeit in der römischen Besatzungsmacht. Er ist kein Jude, aber laut Lukas steht er dem jüdischen Volk durchaus positiv gegenüber. [FOLIE 1]

Auch wenn wir die Stellen in Matthäus und Johannes betrachten, können wir daraus schließen, dass dieser Hauptmann sich den Juden nahe fühlt.
Er hat ja nur von Jesus gehört - aber er glaubt, dass dieser Lehrer aus dem Volk der Juden ihm helfen kann. Er vertraut Jesus und bittet Ihn um Hilfe.

Denn da ist ein Mensch, der ihm sehr am Herzen liegt und dieser Mensch ist krank.
Lukas schreibt vom „Diener“ (griech: doulos); Matthäus verwendet das griechische Wort „pais“, was sowohl „Diener“ als auch „Junge“ oder „Kind“ bedeuten kann; bei Johannes steht eindeutig „Sohn“ (griech: huios).
Auf jeden Fall ist es jemand, der dem Hauptmann wirklich wichtig ist und um den er sich kümmert, für den er sich einsetzt.
Deshalb schickt er auch nicht einfach irgendwen, sondern er geht selbst zu Jesus.
Nach der Erzählung von Lukas setzt er sogar seine Beziehungen zu den jüdischen Ältesten ein, um mit Jesus in Verbindung zu treten.

Das zeigt, dass dem Hauptmann nicht nur sein Schutzbefohlener wichtig ist, sondern auch, dass Jesus ihm wichtig ist.
Er sagt nicht: „Lasst mal irgendwer diesen Jesus suchen und zu mir bringen!“ und behandelt Jesus damit wie einen beliebigen Menschen von der Straße, sondern er bringt Ihm großen Respekt entgegen.

Wie reagiert Jesus, als der römische Hauptmann auf ihn zukommt und ihn anspricht?
Wen sieht Er? Einen Römer, ein Mitglied der Besatzungsmacht? Einen Nicht-Juden, also einen „Unreinen“, der nicht zum Volk Gottes gehört?

Nein. Jesus sieht einen Menschen, der Hilfe braucht und der Ihm vertraut.

Aber zuerst wirkt es, als ob Jesus dem Hauptmann nicht helfen wird.
Denn bei Matthäus und Johannes lesen wir, dass Jesus mit einer Frage, beziehungsweise sogar mit einem Vorwurf reagiert. [FOLIE 2]
Das ist aber kein Zeichen von Geringschätzung, sondern Jesus hinterfragt damit die Motivation dieses Menschen, der Ihn da um Hilfe bittet.

Ich muss dabei an etwas denken, was einem hier in Wien sehr oft begegnet – und in der Adventszeit vielleicht noch viel häufiger:
Man geht einkaufen oder ist auf dem Weg irgendwohin und da kommt jemand auf einen zu und fragt um Geld. Oft verbunden mit der Aussage oder der Geste: „Ich habe Hunger.
Wen sehe ich dann?
Sehe ich jemanden, der mich stört, der mich mit etwas konfrontiert, was mir unangenehm ist?
Steht in meinem Kopf der Begriff „Obdachloser“, „Junkie“ oder „Mitglied einer Bettlerbande“? Vielleicht auch „Ausländer“, wenn dieser Mensch nicht besonders gut Deutsch kann?

Es ist wichtig, diese Gedanken einfach mal wahrzunehmen.
Sie sind da und das ist in gewisser Weise auch normal. Wir sind es gewohnt, unsere Welt zu ordnen und in Kategorien zu denken.
Wichtig ist es, dass wir lernen, nicht automatisch auch in diesen Kategorien zu handeln – denn oft genug kann der erste Eindruck täuschen.
Das gilt übrigens nicht nur für Menschen, die uns auf der Straße nach Geld fragen.
Wenn wir uns bewusst machen, in welche Kategorie wir unser Gegenüber einordnen, dann haben wir auch die Chance, unsere automatischen Reaktionen zu verändern.
Und wir dürfen – so wie Jesus – die Motivation des Anderen hinterfragen.
Damit nehmen wir diesen Menschen ernst, der uns da um Hilfe bittet.

Auch Jesus schaut bei dem Hauptmann „hinter die Fassade“.
Er selbst kennt das Herz des Hauptmanns, Er weiß, was diesen Menschen bewegt – Er müsste nicht fragen. Aber Jesus tut es trotzdem.
Damit lässt Er dem Hauptmann die freie Wahl – der könnte ja auch abweisend reagieren und auf die Hilfe Jesu verzichten, wenn der ihn so kritisch hinterfragt.
Und die Frage Jesu hat auch den Hintergrund, dass die Menschen, die dabei stehen, etwas aus dem Gespräch lernen.

Wie reagiert der Hauptmann?
Matthäus überliefert uns als Antwort eine beeindruckende Aussage [FOLIE 3]:
„Herr! Ich bin es nicht wert, dass du mein Haus betrittst! Aber sprich nur ein Wort und mein Kind wird gesund!“

Mit der Anrede „Herr“ sind die Machtverhältnisse geklärt.
Und wenn der Hauptmann sagt: „Ich bin es nicht wert, dass du mein Haus betrittst.“, dann zeigt er großen Respekt vor Jesus.
Er weiß, dass strenggläubige Juden versuchen, den Kontakt mit Nicht-Juden zu vermeiden und er möchte Jesus nicht in einen Konflikt bringen.
Der Hauptmann könnte Jesus auch in sein Haus bitten, aus Verzweiflung oder aus Ignoranz - oder um zu zeigen: schaut her, der große Lehrer ist bei mir zu Hause!
Aber das tut er nicht.

Bei Lukas geht der Hauptmann sogar noch einen Schritt weiter [FOLIE 4].
Hier hat er ja zuerst die Ältesten der jüdischen Gemeinde um Vermittlung gebeten – und deshalb hat Jesus auch die Motivation des Hauptmanns nicht hinterfragt.
Denn die Ältesten haben sich ganz klar für den Hauptmann eingesetzt und ihm ihr Vertrauen ausgesprochen.
Trotzdem schickt der Hauptmann einige Freunde zu Jesus, die Ihm entgegengehen und ihn quasi „abfangen“, bevor Er das Haus erreicht.
Denn der Hauptmann hält sich selbst nicht einmal für würdig, mit Jesus zu sprechen.

Aber beide - Matthäus und Lukas berichten von dem ganz starken Glaubenszeugnis des Hauptmanns.
Er sagt zu Jesus:
„Sprich nur ein Wort und mein Kind wird gesund!“

„Sprich nur ein Wort…“
Damit bezeugt der Hauptmann, dass er die göttliche Vollmacht Jesu erkannt hat.

Wie geht es euch, wenn ihr mit einem Problem zu Jesus kommt?
Habt ihr schon einmal versucht, diese Worte auszusprechen: „Herr, ich bin es nicht wert, dass Du zu mir kommst. Aber Du liebst mich und tust es trotzdem!
Jesus, sprich nur ein Wort, dann wird alles richtig und gut.“
Gott hat durch Sein Wort die Welt erschaffen – glaubst Du, dass Er durch Sein Wort alles heilen, alles nach Seinem Willen gut machen kann?

Der Hauptmann ist fest davon überzeugt.
Er bekräftigt das dann noch mit dem Vergleich, dass er ja auch die Befehlsgewalt über seine Soldaten und Diener hat.
Und damit sagt er: „Jesus – Du bist der Herr über die ganze Welt. Du hast die Befehlsgewalt.“

Worauf gründet sich dieses Vertrauen des Hauptmanns?
Hat er schon gesehen, wie Jesus Wunder getan hat? Wir lesen nur, dass er von Jesus gehört hat.
Trotzdem ist sein Vertrauen so stark.

Worauf gründet sich dein Vertrauen?
Was ist dein ganz persönlicher Glaubensgrund?

Das klare und starke Vertrauen des Hauptmanns lässt Jesus nicht unberührt.
Er ist über die Antwort erstaunt!
Das müsst ihr euch mal vorstellen: Jesus zum Staunen zu bringen! – Wunderbar!

Dem Hauptmann waren alle politischen und religiösen Differenzen zwischen Römern und Juden egal – er hat Jesus seinen Respekt erwiesen und sein Vertrauen in Jesus ganz offen bekannt.

Später in Mt 10,32 sagt Jesus ganz klar: „Wer sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich bekennen vor meinem Vater im Himmel.“
Diese Verheißung erfüllt Er hier in der Begegnung mit dem Hauptmann ein Stück weit schon für ihn. Er lobt den Glauben des Hauptmanns vor all den Leuten.
Und dann heilt Er den Kranken, für den der Hauptmann gebeten hat.

Bei Johannes wird die Begegnung zwischen Jesus und dem Hauptmann ein klein wenig anders beschrieben – aber nicht weniger faszinierend.
Einen Teil davon haben wir ja schon gehört – der Hauptmann wird hier als „königlicher Beamter“ bezeichnet und er geht zu Jesus und bittet Ihn um Hilfe für seinen schwerkranken Sohn.
Jesus antwortet eigentlich richtig vorwurfsvoll: „Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, dann glaubt ihr nicht.“
Und wie reagiert der Beamte?
Er geht gar nicht auf diesen Vorwurf ein, sondern wiederholt seine Bitte nochmal ganz eindringlich:
„Herr, bitte geh hin, bevor mein Kind stirbt.“ [Folie 5]

Die Anrede „Herr“ hat er bei seiner ersten Bitte nicht verwendet – auch hier stellt er sich also unter die Herrschaft Jesu.
Und eigentlich sagt er ja: ich glaube bereits. Ich bin fest davon überzeugt, dass Du mein Kind heilen kannst.
Darum antwortet Jesus auch: „Geh ruhig heim! Dein Sohn lebt!“
Und jetzt, in dieser Reaktion, beweist der Beamte seinen Glauben – denn er bittet nicht weiter, sondern vertraut dem Wort Jesu und geht, ohne zu wissen, was ihn zu Hause erwartet.

Jesus fragt ganz klar: worauf gründet sich dein Glaube? Brauchst Du Wunder und große Zeichen, damit Du glaubst? Oder glaubst Du, weil Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes?
Natürlich können Zeichen und Wunder auch Teil der Basis sein, auf der unser Glaube begründet ist – aber sie sollten nicht der tragende Teil sein, ohne die alles einstürzt.
Eine „Prüfungsfrage“ für uns wäre: Würde ich / würdest Du den Worten Jesu folgen, so wie der Beamte es getan hat – und wieder nach Hause gehen, ohne den „Beweis“, dass die Bitte tatsächlich erfüllt worden ist?

Der Glaube des Beamten hat zwei Folgen: Jesus heilt das kranke Kind – und der Beamte und sein ganzes Haus „kommen zum Glauben“; sie bekennen sich nun auch öffentlich zu Jesus.

Was können wir also aus dieser Begegnung zwischen Jesus und dem Hauptmann mitnehmen?

Es sind drei große Fragen, in denen wir eingeladen sind, uns selbst und unseren Glauben genauer kennenzulernen:

1) Wie begegne ich einem Menschen, der mich um Hilfe bittet?
Jesus sieht in dem Hauptmann nicht „den Römer“ oder „den, der nicht zum Volk Gottes gehört“ – Jesus sieht einen Menschen. Und Er nimmt diesen Menschen in seinem ganzen Mensch-Sein ernst.
Und: begegne ich meinen Mitmenschen so, dass sie anfangen, nach Jesus zu suchen?
Denken wir daran, wenn wir jetzt im Advent unseren Mitmenschen begegnen.

2) Wie begegne ich Jesus?
Der Hauptmann weiß noch nichts vom Tod und von der Auferstehung Jesu.
Aber er begegnet Jesus mit Respekt, mit Demut und mit dem Vertrauen, dass Jesus der Herr ist, der die Macht hat, mit einem einzigen Wort die Welt zu verändern.
Dieser Jesus ist unser Herr, dessen Geburt wir zu Weihnachten feiern!

3) Worauf gründet sich mein Glaube?
Wir erfahren nicht, was der Hauptmann über Jesus gehört hat, bevor er zu Ihm geht.
Aber wir lesen, dass er einen so starken Glauben hat, dass Jesus darüber erstaunt ist.
Das schönste Geschenk, das wir Jesus zu Seinem Geburtstag bringen können, ist unser tiefes Vertrauen in Ihn, unser Glaube an Ihn als unseren Herrn und Erlöser.
Lasst uns Jesus zum Staunen bringen!

Amen.