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Predigt "Talita kum" - 05.02.2017

zum Anhören (mp3)

Lesung: Mk 5,21-24 & 35-43

Liebe Gemeinde, liebe Gäste und Freunde,

Ich möchte euch heute in diese Geschichte mit hineinnehmen, die wir soeben in der Lesung gehört haben.
Sie wird sowohl bei Markus als auch bei Lukas erzählt und ist eine sehr bewegende Geschichte, in der eigentlich zwei Heilungen beschrieben werden. Zwei Wunder, die ineinander verflochten sind und auch einige Gemeinsamkeiten aufweisen.
In der heutigen Predigt möchte ich aber nur auf die Auferweckung des Mädchens eingehen, deshalb haben wir in der Lesung auch nur diesen Teil gehört.

So wie an vielen anderen Stellen in der Bibel erfahren wir in dieser Erzählung nicht nur das, was geschehen ist, sondern wir lernen Jesus dadurch näher kennen.
Wir erleben Ihn als stark und souverän und es ist deutlich sichtbar, dass Er mit der ganzen göttlichen Vollmacht ausgestattet ist.
Und mit dieser Souveränität und Macht handelt Er unglaublich liebevoll und fürsorglich.

Die Erzählung beginnt damit, dass Jairus, der Leiter einer Synagoge, zu Jesus kommt und Ihn um Heilung für seine schwerkranke Tochter bittet.
Jairus fühlt sich total hilflos und das merkt man deutlich an seinem Verhalten.
Er wirft sich vor Jesus auf den Boden und fleht Ihn an. Es ist ihm egal, dass da so viele Menschen anwesend sind, dass er vielleicht sein Ansehen als Leiter der Synagoge aufs Spiel setzt, indem er sich vor Jesus in den Staub kniet – er ist einfach nur verzweifelt.

Auch wir wissen manchmal nicht mehr weiter.
Es kann sein, dass wir so wie Jairus wegen einem anderen Menschen besorgt sind.

Aber diese „Tochter des Jairus“ kann auch ein Teilbereich unseres eigenen Lebens sein, in dem etwas nicht in Ordnung ist:
ein Problem mit dem wir kämpfen, eine Angewohnheit oder Sucht von der wir nicht loskommen, eine problematische Beziehung – irgendetwas in unserem Leben, das nicht gesund ist.

Wem werfen wir uns dann zu Füßen?
Wen bitten wir um Hilfe?
Rennen wir zu Jesus und flehen Ihn an – ganz egal, was andere Menschen von uns denken?
Oder versuchen wir doch lieber, die Dinge selbst zu lösen?
Auf eines dürfen wir vertrauen: wenn wir zu Jesus bitten – ob für uns selbst oder für jemand anderen - dann wird Er genauso reagieren, wie bei Jairus. Er wird sich auf den Weg machen, um uns zu helfen.

In der Geschichte wird Jesus auf dem Weg von einer hilfesuchenden Frau aufgehalten – wie muss sich Jairus fühlen, der daneben steht und darauf wartet, dass Jesus nun endlich weitergeht…?
Aber ganz egal, wie lange es dauert: Jesus vergisst nicht. Er hat versprochen, zu helfen. Und das tut Er auch.

Bei der Tochter von Jairus scheint es aber, als ob Jesus zu lange gewartet hat.
Während Er noch mit der geheilten Frau spricht, kommen Menschen zu Jairus, die ihm sagen, dass seine Tochter gestorben ist.

Der Tod bedeutet für uns Menschen: wir sind nun wirklich machtlos.
Zuvor waren wir zwar hilflos, aber es gab noch Hoffnung.
Jetzt – mit dem Tod als Tatsache konfrontiert – können wir nichts mehr tun.

Ich denke, jeder von uns kennt Situationen, für die es scheinbar keine Lösung gibt, wo wir keinen Ausweg mehr sehen.

Wenn wir damit zu Jesus gehen, dann kann es auch vorkommen, dass nicht sofort eine Antwort kommt. Dass sich nichts verändert.
Und dann sagt vielleicht eine innere Stimme oder auch die Umgebung: Lass es sein. Es hat keinen Sinn mehr…

So haben auch die Menschen zu Jairus gesagt: Deine Tochter ist tot. Bemühe den Lehrer nicht mehr. Gib auf.
Jairus hört das und er will sich in diesem Moment wahrscheinlich von Jesus abwenden.
Das ist verständlich. Denn was will dieser Mensch gegen den Tod ausrichten, auch wenn Er ein großer Lehrer ist…?
Er kann Kranke heilen, das hat Jairus selbst grade erlebt. Aber gegen den Tod gibt es kein Heilmittel.

Aber – Jesus hört auch, was die Leute sagen.
Und Er geht darüber hinweg.
Er spricht Jairus direkt an: „Fürchte dich nicht! Glaube nur.“ Und damit zieht Er Jairus weg von der Hoffnungslosigkeit.
Er macht ihm Mut, zieht eine Grenze gegen die Dunkelheit: Fürchte dich nicht! Lass die Zweifel nicht gewinnen!
Und dann: Glaube fest! Vertrau mir! Ich kann dir helfen!

Jesus macht das noch mal deutlich, indem Er die Menschen, die Hoffnungslosigkeit verbreiten, nicht auf den weiteren Weg mitnimmt. Nur Seine Jünger dürfen Ihn und Jairus begleiten.

Für uns bedeutet das: wenn wir Jesus um etwas bitten und dann von Zweifeln ergriffen werden, dann dürfen wir vertrauen, dass Jesus diese Zweifel auch sieht.
Wir müssen unsere Bedenken nicht vor Ihm verbergen – Er kennt sie und sagt: „Hab keine Angst! Vertrau mir! Bleib an mir dran!“
Und Er stellt uns Menschen zur Seite, die fest im Glauben sind, die uns auf dem Weg begleiten.
In Gemeinschaft können wir den Zweifeln besser widerstehen und so mit Jesus weitergehen.

Aber oft hören die Zweifel nicht auf – auch Jairus wird in seinem eigenen Haus erneut mit Menschen konfrontiert, die den Tod des Mädchens betrauern.
Und die lachen Jesus sogar aus, als Er sagt, das Kind würde nur schlafen.
Es fällt schwer, Jesus in dieser Situation zu glauben.
Vielleicht würde ich selbst auch da stehen und sagen: Ich hab doch gesehen, dass sie tot ist! Da gibt es keine Hoffnung mehr, wir haben wirklich alles Mögliche versucht, um sie zu retten.

Wir haben alles Mögliche versucht…
Aber Jesus selbst hat gesagt: was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich.
Glaube ich Ihm? Oder gibt es für mich nur „Menschenmögliches“ und dann ist Ende?

Im Haus des Jairus handelt Jesus ganz radikal:
Wer nicht an Seine Macht glaubt und Zweifel verbreitet, der wird von Ihm hinausgeworfen.
Jesus hat die Macht, diese Menschen auszusperren. Sie werden das Wunder, das Er tun wird, nicht sehen. Er allein entscheidet, wer Zeuge sein darf.
In anderen Situationen wendet sich Jesus ganz bewusst den Zweiflern zu – aber hier stehen die Eltern und das Kind im Mittelpunkt Seiner Aufmerksamkeit. Und Er will sie vor den Zweifeln schützen.
Als die Spötter draußen sind, betritt Jesus gemeinsam mit Seinen Jüngern und mit den Eltern des Kindes den Raum, in dem das tote Mädchen liegt.

Es ist still in diesem Raum.

Jesus geht zu dem Mädchen und nimmt seine Hand.
Er stellt eine Beziehung her und ist dem Kind ganz nahe.

Jairus lässt zu, dass Jesus die Hand seiner Tochter ergreift – auch wenn die jüdischen Reinheitsgebote das Berühren von Toten verbieten.
Als Leiter der Synagoge ist ihm das bekannt. Und trotzdem greift er nicht ein.

Wie geht es mir, wenn Jesus so handelt?
Ich bin zu Ihm gekommen und habe Ihn um Hilfe gebeten – jetzt ist Er da und geht ohne Zögern dorthin, wo ich keine Hoffnung mehr habe.
Und Er bleibt nicht stehen und betrachtet das Problem, sondern Er berührt es und kommt dem Tod ganz nahe. Er überschreitet Grenzen und tut, was für mich bisher unvorstellbar war.

Lasse ich Jesus trotzdem das tun, worum ich Ihn gebeten habe?
Oder habe ich mich schon so sehr an die Situation gewöhnt und fürchte mich vor dem, was Er tun könnte?

Jairus, seine Frau und die Jünger lassen Jesus handeln und werden nun Zeugen, wie Jesus zu dem Kind sagt: „Talita kum.“

Jesus spricht diese Worte in seiner eigenen Muttersprache, auf aramäisch. Sie sind kein geheimer Zauberspruch und Jesus ist kein Scharlatan, der leise vor sich hinmurmelt.
Er sagt die Worte deutlich, für alle hörbar und verständlich:
„Talita kum“ - „Mädchen, steh auf.“

Und das Mädchen steht auf und geht umher.

Gott spricht und es geschieht – so wie es von Anbeginn der Schöpfung gewesen ist.

Ich möchte jetzt ganz kurz die Perspektive wechseln.

Wir haben uns bisher auf Jairus konzentriert und erlebt, wie Jesus einen lieben Menschen geheilt hat – oder wie Er einen Teilbereich unseres Lebens von der Hoffnungslosigkeit befreit hat.
Aber manchmal scheint unsere ganze Situation, unser ganzes Leben hoffnungslos zu sein. Wir haben keine Kraft mehr, auch nur irgendetwas zu tun.
Dann sind wir wie das Mädchen und brauchen jemanden, der wie Jairus für uns zu Jesus läuft.

Wenn du also verzweifelt bist und nicht mehr weiter weißt, dann bitte Jesus um Hilfe oder lass für dich beten.
Und dann vertrau darauf: Wenn der richtige Zeitpunkt nach Gottes Weisheit gekommen ist, dann wird Jesus dein Haus betreten.
Er sagt den Zweiflern, sie sollen verschwinden (und sie hören auf Ihn!).
Dann öffnet Er die Türe zu dem dunklen Raum, in dem du bist.
Bei Ihm sind die Menschen, die dich lieben, denen du wichtig bist und die Menschen, denen Jesus vertraut.
Jesus nimmt deine Hand und Er begreift dein Problem und versteht, was mit dir los ist – selbst der Tod kann Ihn nicht schrecken.
Er hält dich fest und ruft dich ins Leben zurück.

Für Gott ist das ganz einfach. Für uns ist es ein Erlebnis, das uns von Grund auf verändert.

Vielleicht wird die Heilung nicht zu dem Zeitpunkt oder auf die Art erfolgen, wie wir sie uns vorstellen.
Gott hat Seinen eigenen Plan mit uns und wir verstehen Ihn oft nicht.
Aber wenn es um uns herum ganz dunkel ist und wir dann Jesus in unser Haus bitten, dann laden wir Ihn ein, Seinen Plan umzusetzen.

Und wenn Gott handelt, werden wir darüber staunen, weil bei Ihm nichts unmöglich ist.

Zum Schluss:
Bei Markus lesen wir nach der Auferweckung des Mädchens: „Da gerieten alle vor Staunen außer sich.“
Eine so wunderbare Heilung ist ein Grund zu großer Freude und ich denke, das Mädchen selbst wird in dem Moment ganz von Gottes Liebe erfüllt gewesen sein.
Aber die Eltern waren vielleicht auch ein wenig erschrocken.
Dieser plötzliche Wechsel von Trauer zu Glück kann ein ziemlicher Schock sein.
Jesus spürt die Unsicherheit der Eltern und weist sie zuerst an, niemandem von dem Wunder zu erzählen.
Er tut das, um die Familie zu schützen und auch, damit diese Auferweckung nicht zu einer Sensationsgeschichte wird.
Jesus braucht keine großen Schlagzeilen und keine spektakulären Auftritte und Er möchte diese Familie nicht benutzen, um auf ihre Kosten bekannter zu werden.

Es gibt auch keine Botschaft oder Erklärung an die Familie, die Umgebung oder die Jünger, sondern nur eine weitere Anweisung: Gebt dem Mädchen zu essen!

Damit übergibt Jesus das Kind wieder in die Verantwortung der Eltern. Sie bekommen eine Aufgabe, das Mädchen fühlt sich geborgen und das Versorgen und Versorgt-werden stärkt die Beziehung zwischen Eltern und Kind.
Und es wird damit deutlich, dass das Mädchen kein Geist ist, sondern wirklich wieder ganz lebendig.

Auch wenn Jesus in unser Leben eingreift, dann macht Er da keine halben Sachen, keine Show und keine Zaubertricks – sondern Er schenkt uns echtes Leben.

Dieser Jesus, der so stark und doch fürsorglich handelt und der mit göttlicher Vollmacht eingreift, wenn wir Ihn darum bitten und wenn es Seinem Willen entspricht, dieser Jesus ist unser Herr.

AMEN