Startseite > unterwegs > Das Mädchen und die Eule

Das Mädchen und die Eule

Das kleine Mädchen war endlich aus dem dunklen Wald entkommen. Es hatte die Finsternis, die Schlingpflanzen, den Sumpf und all die anderen angstmachenden Schrecken hinter sich gelassen – so dachte es, als die Bäume vor ihm weniger wurden und statt sterbender Blätter und heimtückischer Wurzeln vereinzelt helles, grünes Gras am Boden zu sehen war.
Aber nachdem es sich an diesem Abend einen geschützten Schlafplatz gesucht hatte und endlich eingeschlafen war, führten es die Albträume wieder mitten in die dunkle Zeit, vor der es zu fliehen versuchte. Am Morgen wachte es schweißgebadet und zitternd auf – die schwarzen Bilder wollten seinen Kopf trotz des goldenen Sonnenlichts nicht verlassen.
Auch als das Mädchen nach einem kurzen Marsch schließlich den Waldrand erreichte und sich vor ihm blumengeschmückte Wiesen und Hügel ausbreiteten, machte ihm dieser Anblick eher Angst als Hoffnung.
Denn nun erkannte das Kind, dass es nicht wusste, wohin es eigentlich gehen sollte.
Im Wald hatte es lange überlebt, es hatte Tricks und Strategien gelernt, um den Gefahren zu entkommen – was mochte in diesen scheinbar endlosen Weiten lauern? Welche Schrecken mochten hier im Gras und hinter den Hügeln verborgen sein?
Zweifelnd blickte das Mädchen zurück. Wäre es im Wald vielleicht sicherer? Zumindest kannte es sich dort aus…

„Willkommen auf der Wiese.“ ertönte eine ruhige Stimme von einem der Bäume am Waldrand und eine große, graue Eule breitete ihre Schwingen aus, um nach einem kurzen, lautlosen Gleitflug vor dem Mädchen zu landen.
Ihre Federn hatten die Farbe von hellem Stein und ihre freundlichen, ungewöhnlich blauen Augen schienen dem Kind direkt ins Herz zu blicken.

Ein solches Tier hatte das kleine Mädchen noch nie gesehen – und es war noch von keinem Wesen so angeblickt worden. Obwohl die Eule deutlich größer und auch um viele Jahre älter war als das Kind und obwohl das Kind auf seinem Weg bisher gelernt hatte, misstrauisch und vorsichtig zu sein, hatte es kein bisschen Angst.
Sogar im Gegenteil – es war sich vollkommen sicher, der Eule vertrauen zu können und so erzählte es dem aufmerksam zuhörenden Tier von seinen Sorgen, dieser neuen Umgebung nicht gewachsen zu sein, von seiner Sehnsucht, einen sicheren Platz zu finden und von seiner Unsicherheit, weil die vor ihm liegende Welt so groß zu sein schien.

Nachdem das Mädchen geendet hatte, nickte die Eule verständnisvoll. „Ja, die Welt, die hier vor dir liegt, ist unglaublich groß und der Wald, der hinter dir liegt, gehört auch dazu. Solche Wälder gibt es überall und viele verirren sich darin.
Auch auf den Wiesen und Hügeln, die du hier siehst, gibt es dunkle Dinge und Hindernisse, die man überwinden muss, wenn man seinen Weg weitergehen will. Aber – und das kann ich dir versichern – du bist auf diesem Weg nicht allein, es sind überall Freunde, die dir weiterhelfen. Auch im dunklen Wald warst du nie allein.“
Und die Eule erzählte dem kleinen Mädchen von dem, der alles erschaffen hatte.
Weil Er alles, was Er geschaffen hatte, unendlich liebte – so sagte die Eule – hatte er auch in jedes Lebewesen einen kleinen Funken gelegt, der von Ihm selbst stammte. Und je näher man Ihm im Herzen war - ganz egal, wo man sich befand - umso heller brannte dieser Funke und wärmte einen von innen.
Wenn der Funke ganz hell brannte, dann strahlte er auch nach außen, so dass er für andere sichtbar wurde und Licht in dunkle Zeiten brachte.
„Und dieser Funke ist auch der Grund für deine Sehnsucht nach einem besseren Ort, der Grund, warum du dich auf den Weg gemacht hast.“
Das kleine Mädchen sah der Eule in die Augen und wusste ganz tief in seinem Inneren, dass alles, was die Eule sagte, der Wahrheit entsprach.

Es hatte auch zuvor schon von Ihm gehört, der alles geschaffen hatte.
Auch im dunklen Wald war von Ihm gesprochen worden. Aber diejenigen, die dort lebten, hatten gesagt, dass Er böse auf sie war und dass sie deshalb im dunklen Wald lebten mussten.
Doch das kleine Mädchen hatte das nie ganz geglaubt. Denn manchmal waren Wanderer vorbeigekommen, die davon gesprochen hatten, dass man sich auf den Weg machen durfte, um Ihm näher zu kommen, dass man nicht im dunklen Wald bleiben musste.
Sie hatten erzählt, dass Er, der alles geschaffen hatte, einmal selbst in die Dunkelheit gekommen war, um Seinen geliebten Geschöpfen den Weg zu zeigen. Und dass Er ihnen damals von Seiner großen Liebe erzählt hatte. Ja, Er war für diese Liebe sogar bis in den Tod gegangen, bis in die dunkelste Dunkelheit und durch das tiefste Dunkel hindurch, um dadurch Sein Licht und Seine Liebe für alle sichtbar zu machen.
Diesen Wanderern hatte das kleine Mädchen immer aufmerksam gelauscht und mit jeder ihrer Geschichten war die Sehnsucht im Herzen des Mädchens stärker geworden, bis das Kind es schließlich gewagt hatte, loszugehen.

Nun wusste das kleine Mädchen, dass diese Wanderer einen ganz hell brennenden Funken in sich getragen hatten und dass dadurch sein eigener Funke stärker entfacht worden war.
Auch in der Eule brannte das Licht von Ihm, der alles geschaffen hatte, sehr stark und das Mädchen wurde im Gespräch mit der Eule von einer großen Freude ergriffen.
Es hatte das Gefühl, dass es ganz kurz davor war, den Weg, den es finden sollte, zu sehen.
Trotzdem hatte es noch viele Zweifel und Fragen.
„Wohin wird der Weg mich führen, wenn ich ihn gefunden habe?“ wollte das Kind von der Eule wissen.
„Nun, am Ende werden wir alle bei Ihm sein, der uns und alles geschaffen hat. Und wir werden ein großes Fest feiern, niemand wird mehr weinen und Dunkelheit wird es nicht mehr geben.“

Das konnte sich das kleine Mädchen nicht richtig vorstellen, hatte sein kurzes Leben doch bisher fast nur aus Dunkelheit bestanden. Aber die Augen der Eule blickten so freundlich und ehrlich und so beschloss das Mädchen, der Eule auch in diesem Punkt zu vertrauen.
„Ich möchte gerne zu diesem Fest. Zeig mir, wie ich dort hinkomme wo es stattfinden wird, liebe Eule!“ bat es, obwohl es noch nicht ganz überzeugt war, dass es dort auch willkommen sein würde. „Schließlich bin ich ein Kind aus dem dunklen Wald.“ dachte es bei sich. „Und vielleicht haben die anderen doch recht und Er, der alles geschaffen hat, ist böse auf uns. Aber wenn Er mich dann nicht dabei haben will, dann bin ich das ja auch gewöhnt und werde eben draußen warten...“ Und es spürte schon die Tränen, die es weinen würde, wenn es vor den Fenstern kauern würde, während drinnen alle feierten und sich freuten.
Denn das entsprach dem, was es bisher im Leben gelernt hatte.

Die Eule schien die Zweifel deutlich zu sehen, die dem Kind den Hals zuschnürten.
„Er liebt dich.“ sagte sie sanft. „Du musst nur auf die Sehnsucht achten, die du in dir spürst. Das ist Sein Licht, das Er in dich hineingelegt hat, weil Er dich liebt.“

Da begann das kleine Mädchen vor Freude zu weinen – so sehr berührten die Worte der Eule sein Herz.
Und obwohl diese Zusage die Traurigkeit und die Zweifel des Mädchens nicht ganz beseitigen konnte, lief es der Eule hinterher, als diese nach einem aufmunternden Nicken ihre Flügel ausbreitete und auf die Wiese hinausflog.
Das Gespräch mit der Eule hatte in dem Mädchen ein ungewohntes Gefühl von Freiheit ausgelöst und so lief es voll Freude durch das weiche grüne Gras – die über ihm segelnde große graue Eule immer im Blick.
Schließlich ließ sich das Kind erschöpft, aber glücklich ins Gras fallen und beobachtete den Flug der Eule, bis diese lautlos neben ihm landete.
„Schau dich um“ forderte die Eule das Mädchen auf.
„Ich kann den Wald nicht mehr sehen“ stellte das Kind fest „wir sind schon sehr weit gekommen! Sind wir nun auf dem Weg zu dem Ort, wo das Fest stattfinden wird?“
„Das Fest findet dort statt, wo Er ist, der alles geschaffen hat. Aber um Ihn zu finden, musst du deinen eigenen Weg gehen. Dieser Weg ist für jedes Lebewesen anders, weil Er uns alle einzigartig geschaffen hat.“

Und die Eule erzählte dem Mädchen Geschichten von all den Lebewesen, die Ihm, der alles erschaffen hatte, schon begegnet waren. Sie sprach auch von den Worten, die Er selbst gesagt hatte, als Er zu Seinen Geschöpfen in die Dunkelheit gekommen war.
Während sie erzählte, kamen andere Vögel herangeflogen und ließen sich zu den Füßen der Eule nieder. Dann kamen auch Hasen und Käfer und Schmetterlinge, sogar Schlangen und Hirsche und Wölfe und alle möglichen Tiere, die sich zu dem Mädchen ins Gras setzten, um der Eule zu lauschen.
Einige hatten Früchte und Nüsse mitgebracht, um sie zu teilen und wer Durst hatte, lief zum nahegelegenen Bach, um das klare Wasser zu trinken.
So ging der erste Tag, den das kleine Mädchen außerhalb des dunklen Waldes verbrachte, damit zu Ende, dass es, inmitten von großen und kleinen Tieren, satt und zufrieden einschlief. Und die Stimme der Eule begleitete es in seinen Träumen.

In den folgenden Tagen wanderten das Mädchen und die Eule scheinbar ziellos über die Wiesen und Hügel. Das Mädchen folgte der Eule, weil es hoffte, dass diese ihm bald genauer verraten würde, wie es den Weg zu dem Fest finden könnte.
Überall, wo sie sich niederließen, kamen Tiere zusammen, um der Eule zuzuhören, oder selbst von Ihm, der alles geschaffen hatte, zu erzählen. Jeder wusste etwas anderes zu berichten, aber alle Geschichten sprachen von der großen Liebe, die Er für alle Seine Geschöpfe empfand.
Und mit jeder Geschichte fühlte das Mädchen die Sehnsucht in seinem Herzen stärker werden.

Aber es gab auch Zeiten, in denen die Nächte – und manchmal auch die Tage – des Mädchens von Albträumen erfüllt waren. Das waren die Zeiten, wenn ein dunkler Wald zu sehen oder auf dem Weg ein Sumpf oder eine stachelige Hecke zu überwinden waren. Dadurch fühlte sich das kleine Mädchen wieder in seine Vergangenheit im dunklen Wald zurückversetzt. Einsamkeit und Zweifel erfüllten sein Herz und es fürchtete, die anderen Tiere könnten erkennen, dass es ein Geschöpf des dunklen Waldes war.
Dann suchte das Mädchen nach Ausreden, um allein sein zu können. Es ging Nüsse und Früchte sammeln oder gab vor, müde zu sein und weinte sich fernab von den anderen in den Schlaf.

Die Eule jedoch beobachtete das Kind genau und bemerkte die Dunkelheit, von der es in diesen Momenten erfüllt wurde. So setzte sie sich alleine zu dem Kind und sprach lange mit ihm.
„Es wird immer wieder dunkle Wälder, Sümpfe und stachlige Hecken geben,“ sagte sie dann, „jeder von uns muss sie überwinden. Auch ich kenne Hindernisse und Schwierigkeiten. Am Himmel, wo ich fliege, gibt es heftige Luftströmungen, schwere Wolken und Regen.
Aber egal, wie schwierig der Weg ist, ich spüre das Licht in mir brennen, ich denke an die Worte, die Er, der alles geschaffen hat, uns hinterlassen hat und ich höre die Geschichten der anderen Tiere, die mir Zuversicht geben. Und so kann ich mir immer sicher sein, dass Er, der alles geschaffen hat, mich liebt und beschützt.“
„Aber ihr alle, du und die anderen Tiere, ihr habt immer hier draußen auf den Wiesen gelebt. Ihr habt euch gegenseitig, um euch zu stärken und voneinander zu lernen. Ich habe niemanden.“
„Du hast jetzt uns.“ sagte die Eule. „Und es gibt noch andere wie dich.“ Und die Eule erzählte dem Mädchen von Lebewesen, die auch aus der Dunkelheit gekommen waren, die Zweifel und Ängste gehabt hatten – so wie das Mädchen selbst. Und sie alle hatten schließlich ihren Weg zu Ihm, der alles geschaffen hatte, gefunden und hatten davon berichtet.
„Auch ich selbst habe die Dunkelheit schon kennengelernt. Aber das Licht, das Er, der alles geschaffen hat, durch Seinen Tod und die Überwindung des Todes für alle Seine Geschöpfe sichtbar gemacht hat, dieses Licht hat die Dunkelheit besiegt.“
So gab die Eule dem kleinen Mädchen neue Hoffnung und die Sehnsucht im Herzen des Kindes wurde wieder stärker.

Die beiden wanderten weiter, wobei das Mädchen sich immer nach der Eule richtete und diese schien sich vom Wind treiben zu lassen. So gingen und flogen sie Tag für Tag, Woche für Woche.
Sie aßen und schliefen bei den Tieren, die ihnen unterwegs begegneten und teilten Geschichten über Ihn, der alles erschaffen hatte, denen das Kind immer aufmerksam lauschte.

Nachdem einige Wochen so vergangen waren, spürte das kleine Mädchen eines Morgens ganz leicht, wie es sein Herz in eine bestimmte Richtung zog. Es war unsicher, was es mit diesem neuen Gefühl machen sollte und wollte mit der Eule darüber reden.
Aber die Eule war bereits losgeflogen und so rief das Kind nach ihr.
Als die Eule sich zu den Füßen des Kindes niedergelassen hatte, meinte das Mädchen, dass es vielleicht an diesem Tag gerne in diese eine Richtung gehen würde, die das kleine Herz zu weisen schien. Es sprach sehr leise und verschämt und fügte hinzu: „Nur wenn es dir recht ist, liebe Eule. Wenn du in die andere Richtung möchtest, dann können wir natürlich auch dorthin weitergehen.“
Doch die Eule blickte dem Mädchen fest in die Augen und das Mädchen blickte zurück.

„Wenn du in diese Richtung gehen möchtest, dann werden wir diesen Weg auch nehmen.“
Das kleine Mädchen war überrascht und erstaunt, dass die Eule, die doch so weise war, ihm – dem kleinen Kind – in dieser Sache zu vertrauen schien.
Den ganzen Tag bis zum Abend prüfte das Mädchen den Weg ganz genau und hoffte, dass es nichts falsch gemacht hatte mit seiner Wahl.
Als es dunkel wurde und die Eule sich bei dem Mädchen niederließ, begann das Kind leise: „Liebe Eule, es tut mir leid, wenn ich dir heute Schwierigkeiten bereitet habe, ich hoffe, der Weg war gut für dich, leider habe ich nur ganz wenige Nüsse und Beeren gefunden, auf deinem Weg wären es sicher mehr gewesen, morgen gehen wir wieder dorthin, wo du möchtest...“ Das Kind verstummte, als es die blauen Augen der Eule fest auf sich gerichtet sah.
Es wandte den Kopf zu Boden, in Erwartung des Tadels, der nun nach seinen Erfahrungen von früher, aus dem dunklen Wald, folgen würde.
Doch die Eule fragte nur: „Wohin zieht dich dein Herz, Mädchen? Wohin will das Licht gehen, das Er, der alles geschaffen hat, in dich hineingelegt hat?“
Diese Frage ließ das Kind den Kopf heben.
Konnte es wirklich wahr sein…?
Zaghaft deutete es in die Richtung, die sein verängstigtes Herz ihm wies.
Die Eule nickte. „Dann werden wir morgen dort entlang gehen.“
Und wieder wurde das Kind von Freude erfüllt.

Am nächsten Tag staunte es, so oft es zum Himmel blickte. Denn die Eule ließ sich nun nicht mehr ziellos vom Wind treiben, sondern richtete ihre scharfen Augen immer wieder auf das Kind, um zu sehen, wo es hingehen würde und um ihm dann zu folgen.
Das kleine Mädchen fühlte sich dadurch gestärkt, beschützt und begleitet.
„Kann es sich so ähnlich anfühlen, wenn man sagt, dass einen Er, der alles geschaffen hat, beschützt und begleitet?“ dachte es bei sich.
Und tief im Herzen wusste es, dass es so – und noch unvorstellbar schöner - war.

Am Abend, während sie Nüsse und Früchte teilten, fragte das Mädchen die Eule: „Wenn wir jetzt meinen Weg gehen, liebe Eule, verlierst du dann nicht deinen Weg aus den Augen? Du hast einmal gesagt, dass jedes Lebewesen seinen eigenen Weg zu Ihm, der alles geschaffen hat, finden muss. Ich möchte dich nicht von deinem Weg abhalten...“
„Sei beruhigt, ich habe meinen Weg schon gefunden. Jetzt ist es meine Aufgabe, dich auf deinem Weg zu begleiten. Auch das gehört zu meinem Weg.“
Darüber staunte das Mädchen. „Aber ich bin doch nur ein kleines Kind aus dem dunklen Wald. Warum solltest du mich begleiten?“

Die Eule lächelte: „Er, der alles geschaffen hat, möchte, dass alle seine Geschöpfe den Weg zu Ihm finden.
Und so schickt Er manche von uns aus, um andere zu Ihm zu führen. Wer weiß, vielleicht wirst du später auch durch deinen Weg jemanden zu Ihm führen?“
Über diese Worte dachte das Mädchen lange nach und es redete noch an vielen Abenden mit der Eule darüber, wie das denn möglich sein könnte. Denn die Vorstellung, sein eigener Weg könnte jemand anderem den Weg weisen, ließ das Licht im Inneren des Mädchens heftig aufflackern und bisher nie gekannte Worte und Ideen gingen ihm durch den Kopf.

Schließlich - als sich wieder einmal viele Tiere bei der Eule und dem Mädchen versammelt hatten - nahm das kleine Mädchen all seinen Mut zusammen und begann zu erzählen, wie es sich aus dem dunklen Wald heraus auf den Weg gemacht hatte. Es erzählte von der Angst und den Zweifeln und wie es ihm mit Hilfe der Eule und der Worte von Ihm, der alles geschaffen hatte, nun immer öfter gelang, diese dunklen Gefühle zu überwinden.
Nachdem es geendet hatte, schaute es still zu Boden – ein Teil von ihm erwartete immer noch, dass die Tiere sich von ihm abwenden würden, weil sie nun wussten, dass es ein Kind der Dunkelheit war.
Aber dann spürte das Mädchen, wie die Eule ihren Flügel ermutigend auf seinen Rücken legte und als es hochblickte, sah es einen Wolf, der ganz nahe vor ihm saß. „Danke für deine Geschichte. Auch ich bin aus einem dunklen Wald gekommen und mir ist es genauso ergangen wie dir. Schön, dass du bei uns bist.“ Und auch die anderen Tiere bedankten sich für die Geschichte des Mädchens und hießen es willkommen.

Eine solche Gemeinschaft hatte das Mädchen noch nie erlebt. Es fühlte, wie das Licht in ihm noch heller wurde und die Angst aus seinem Herzen vertrieb.
Als am nächsten Tag wieder ein Sumpf auf dem Weg lag, spürte das kleine Mädchen zwar noch die altbekannten Gefühle aus dem dunklen Wald, aber es dachte an die Worte der Eule und der anderen Tiere und so wandte es seine Gedanken von dem dunklen Wald ab – hin zu der Sehnsucht, die es in sich spürte. Und weil die Sehnsucht so stark war, wie nie zuvor, wusste das Mädchen, dass es von Ihm, der alles geschaffen hatte, geliebt wurde. Und so überwand es den Sumpf, ohne sich von den dunklen Gefühlen hinabziehen zu lassen.

Bald darauf tauchte ein besonders hoher Hügel vor dem Mädchen auf und die Sehnsucht bewog das Kind, hinaufzusteigen.
Oben angekommen, wartete die Eule schon geduldig und blickte das kleine Mädchen freundlich an.
Wie bei ihrer ersten Begegnung hatte das Mädchen das Gefühl, die Eule könnte direkt in sein Herz sehen. Und als es den Blick erwiderte, loderte der Funke im Herzen des Mädchens hell auf und es wurde von großer Freude und Dankbarkeit erfüllt.
„Sieh hin. Du hast deinen Weg gefunden.“ sagte die Eule und das Mädchen wandte sich um.

Es erblickte ein großes Schloss mit Mauern aus weißen Steinen und Toren aus Gold, die alle geöffnet waren. Die Fenster waren mit Edelsteinen eingefasst und die Dächer waren aus glänzendem Silber.
Wunderschöne bunte Pflanzen mit Früchten und Nüssen wuchsen in einem Hof im Zentrum des Schlosses und ein glitzernder Brunnen, aus dem klares Wasser sprudelte, stand mitten unter ihnen.
Durch die offenen Tore strömten Menschen und Tiere in das Schloss. Sie tanzten und sangen zur Musik von verschiedenen Instrumenten, die wie der Wind um das Schloss herum zu hören war.
Durch die Fenster sah das Mädchen glückliche Lebewesen jeder Art, die gemeinsam aßen und miteinander sprachen, spielten und tanzten und da wusste es, dass dies das Ziel war.

Dort war Er, der alles geschaffen hatte und alle Lebewesen der Erde wurden von Ihm mit offenen Armen empfangen.
Als das Mädchen erkannte, dass kein einziges Wesen ausgeschlossen wurde, weinte es vor Freude. An diesem Ort gab es keine Dunkelheit – jeder wurde geliebt.

„Es ist noch ein weiter Weg, denn das Schloss ist nicht so nahe, wie es aussieht. Und auf dem Weg wird dir noch vieles begegnen – viel Schweres, aber auch viel Schönes.
Alles davon wird dich dem Schloss näher bringen, so lange du die Worte im Herzen bewahrst, die Er, der alles geschaffen hat, uns hinterlassen hat; so lange du der Sehnsucht folgst, die Sein Funke in dir auslöst und so lange du Sein Licht in der Gemeinschaft an andere weitergibst.“ sprach die Eule zu dem staunenden Kind.
Das Mädchen wandte sich der Eule zu.
„Dank dir, liebe Eule, weiß ich nun, dass es dieses Schloss gibt und dass ich den Weg dorthin nicht alleine gehe. Du hast mich gelehrt, der Sehnsucht in mir zu vertrauen und mir von den Worten erzählt, die Er, der alles geschaffen hat, uns hinterlassen hat. Du hast mir gezeigt, was es heißt, begleitet, beschützt und angenommen zu sein. Durch dein Vertrauen in mich habe ich meinen Weg gefunden.
Ich bin Ihm, der alles geschaffen hat, unendlich dankbar, dass Er dich zu mir geschickt hat.
Und ich bin auch dir so dankbar, dass du auf Ihn gehört und mich bis hierhin begleitet hast. Wie kann ich dir jemals dafür danken?"

_____________________________________

Die beiden verließen den Hügel und das Mädchen bewahrte das Bild des Schlosses in seinem Herzen. Da es nun ein Ziel hatte, konnte es seinen Weg deutlich sehen.
Und weil das Mädchen seinen Weg gefunden hatte, konnte es von da an gemeinsam mit der Eule auch anderen Lebewesen helfen, ihren eigenen Weg zu finden.
Sie waren wie zuvor miteinander unterwegs und die Eule lehrte das Mädchen noch viele Dinge, vor allem die Worte, die Er, der alles geschaffen hatte, ihnen hinterlassen hatte.
Das Mädchen lernte und wuchs und konnte bald auch alleine unterwegs sein, wenn die Eule woanders gebraucht wurde.

Die schönste Zeit für das Mädchen war aber, wenn es mit der Eule gemeinsam die Geschichten und die Worte von Ihm, der alles geschaffen hatte, weitergeben konnte.
Dann brannte das Licht der beiden ganz hell, und das Mädchen war von großer Freude erfüllt.
"So - und noch viel schöner - wird es auch im Schloss sein, bei dem großen Fest bei Ihm, der alles geschaffen hat." dachte es dann und war glücklich.

Und je mehr das Mädchen von der Eule lernte und je mehr die Eule dem Mädchen zutraute, umso größer wurden das Vertrauen des Kindes in sich selbst und die Dankbarkeit und Freude darüber, die Eule als Lehrer und Begleiter zu haben. Und auch die Liebe des Mädchens zu Ihm, der alles geschaffen hatte wurde immer mehr - denn schließlich war Er es gewesen, der die Eule geschaffen und gesandt hatte.
Und wenn die Eule als Sein Geschöpf schon so viel Licht in die Dunkelheit bringen konnte, um wieviel wunderbarer musste dann Er sein, der die Eule, das Licht und alles geschaffen hatte?