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...ein Geheimnis des Glaubens

Die schlanken Säulen sind teilweise aus glattem Marmor, teilweise aus altem Stein. Alle gemeinsam tragen sie ein niedriges Gewölbe, das mit einfachen Mustern bemalt ist, mit bunten Bögen, Kreisen und Linien, die sich von Säule zu Säule erstrecken.
Es gibt keine Bänke in diesem Raum unter der Kirche, nur Reihen aus hölzernen Stühlen, die alle auf den Erker ausgerichtet sind, in dem sich das Kreuz und das einzige Fenster befinden.
Dorthin gehen wir, nachdem wir die Malereien und die wenigen Verzierungen im Raum betrachtet haben. Vor dem Kreuz steht eine Schale mit Sand.

„Wie ein Zen-Garten. Sehr meditativ.“, meint Peter nachdenklich.
Ich male mit dem Finger Linien in den Sand. „Ich mag das leere Kreuz hier unten.“, kommentiere ich, ohne den Blick zu heben.
„Ja, oben ist ja eines, wo Jesus noch dranhängt.“
„Mhm. Das finde ich immer schwierig, weil es die Zeit vor der Auferstehung zeigt. Und manchmal ist die Darstellung auch richtig heftig.“
„Das war ja aber eine schreckliche Art, jemanden hinzurichten.“ Peter schüttelt den Kopf. „Ich verstehe sowieso nicht, warum das notwendig war, warum Jesus so sterben musste, warum Er überhaupt sterben musste.“

Meine Finger ziehen weiter ihre Bahnen durch den Sand und überkreuzen die bereits gemalten Linien.
Wie finde ich die richtigen Worte, um etwas zu erklären, was ich selbst immer wieder neu durchdenken, durchbeten muss, um es auch nur annähernd zu begreifen? Etwas, das ich mehr in meinem Herzen spüre, als es mit dem Verstand zu erfassen?
Aber wenn ich nicht mal mit meinem lieben Freund Peter über dieses zentrale Geheimnis des Glaubens reden kann, mit wem dann?
„Hm.“ Ich nicke mit dem Kopf und suche nach dem Anfang.
„Hast du schon mal etwas kaputtgemacht?“, frage ich schließlich.
Peter lacht - „Natürlich!“ – und wartet, wo das wohl hinführt.
„Wenn du etwas kaputtgemacht hast, dann brauchst du immer irgendetwas Zusätzliches, um es wieder ganz zu machen: Kleber, eine Schnur, einen Nagel…, oder? Und auf jeden Fall brauchst du Zeit und Mühe, um das kaputte Ding wieder zu reparieren.“
Mein lieber Freund nickt.
Ich putze mir den Sand von den Fingern und gehe zum Fenster.
„Und wenn du eine Beziehung kaputtgemacht hast, einen Freund belogen oder jemandem wehgetan hast – wie kannst du das reparieren?“ frage ich weiter.
„Naja, ich bitte um Verzeihung.“
„Und was kostet dich das?“
„Auch Zeit und dazu noch Überwindung. Ich muss zu dem anderen hingehen und meinen Fehler eingestehen.“
Erst im Dialog wird mir so richtig klar, in welche Richtung wir uns bewegen.
„Aber ist damit die Beziehung automatisch wieder gut, wieder genauso wie vorher?“ formuliere ich meine Gedanken. „Können wir eine Beziehung überhaupt aus eigener Kraft reparieren?“
Wir schütteln beide den Kopf.
„Also wenn wir schon die Beziehung zu einem anderen Menschen nicht reparieren können, wie sollen wir dann die Beziehung zu Gott wieder herstellen?
Wir können Ihn nicht sehen, Ihm nicht in die Augen schauen – und vor Jesus hatten wir nicht mal eine Ahnung davon, wie man Gott um Verzeihung bittet. Die Menschen haben es mit Opfergaben versucht, immer und immer wieder. Und trotzdem konnten sie nie sicher sein, dass Gott ihnen vergeben hat.“
„Aber womit haben wir die Beziehung zu Gott denn zerstört?“ fragt Peter.
„Diese Frage muss sich jeder selbst stellen…“ seufze ich. „Ich glaube nicht, dass es irgendjemanden gibt, der niemals irgendjemandem Schaden zufügt, der in Gedanken, Worten und Taten jeden Moment seines Lebens komplett mit dem übereinstimmt, wie es gegenüber der Schöpfung, unseren Mitmenschen, uns selbst und Gott gegenüber richtig und gut wäre.
Wir sind Menschen, wir sind unvollkommen und daher machen wir Fehler. Das ist so und Gott weiß das.
Und Er weiß auch, dass wir aus eigener Kraft niemals in der Lage sind, vollkommen gut zu leben. Das können wir nicht, denn sonst wären wir auch Gott.“
„Deshalb hat Er uns Jesus geschickt. Damit der uns zeigt, wie wir so leben können, dass es für uns und andere gut ist.“, meint Peter.
„Genau. Davor hat Gott uns die Gebote gegeben, damit wir eine Art ‚Anleitung‘ haben, wie wir miteinander und mit der Schöpfung leben sollen. Aber die Menschen haben die Gebote immer wieder falsch verstanden und auch ausgenutzt oder bewusst ignoriert.
Jesus hat uns dann auf Augenhöhe erklärt, wie wir die Gebote leben sollen und Er hat es uns ganz konkret vorgelebt.
Aber das konnte Er nur tun, weil Er nicht nur Mensch, sondern auch Gott war. Wahrer Gott und wahrer Mensch…“
„Also das ist etwas, das ist mir einfach zu steil. Manchmal habe ich das Gefühl, ich hätte es verstanden, aber dann verliere ich es wieder.“
„Ich denke, das kann man nicht verstehen. Das ist eine Frage des Glaubens. Diesen Punkt kann man nur glauben oder nicht glauben und das ist eine bewusste Entscheidung.“

Peter atmet tief auf und schaut zum Kreuz, das von der sinkenden Sonne durch das leicht getönte Fenster mit sanften Farben bemalt wird.
„Lass uns wieder hochgehen, es wird bald dunkel.“ meint er dann.
Wir steigen die schmale Steintreppe nach oben in die verlassene Kirche, wo wir im Mittelgang stehen bleiben.

„Und warum musste Er nun sterben?“ fragt Peter mit Blick auf die leidende Gestalt auf dem großen Kreuz im Altarraum.
„Der eine Grund ist, dass Jesus sich aus freiem Willen hingegeben hat, damit wir für unsere Schuld nicht mehr bezahlen müssen.“, antworte ich.
„Das ist aber etwas theologisch formuliert.“
„Hm. Hast recht.“
„Aber ich verstehe schon. Wir haben vorhin gesagt, dass man immer etwas geben muss, damit man etwas reparieren kann. Und Jesus hat alles gegeben, was notwendig war, damit die Beziehung zwischen Gott und allen Menschen wieder hergestellt wird. Und weil das so viele Menschen sind, die so viele Beziehungen kaputt gemacht haben und immer noch kaputt machen, war der Preis sehr hoch.“
Ich lächle. „Besser hätte ich das auch nicht sagen können.“

„Und der andere Grund?“ will Peter wissen.
„Wie kann man das Böse besiegen?“ lautet meine Gegenfrage.
Peter schweigt nachdenklich.
„Wenn man dagegen kämpft, dann wendet man eigentlich die selben Mittel an, wie das Böse selbst.“, spreche ich meine Gedanken aus. „Und man konzentriert sich auf das Böse, weil man ja dagegen angehen will.
Aber wenn man komplett ohne Sünde lebt, so wie Jesus, und sich vollkommen auf Gott konzentriert – wirklich nur das tut, was Gott will – dann hat das Böse keinen Punkt, wo es ansetzen kann. Es konnte bei Jesus nirgendwo etwas finden, was nicht Gott gehört.
Und sogar, als die Menschen Ihn gequält und getötet haben, ist Er Gott immer vollkommen treu geblieben. Deshalb hatte das Böse keine Macht über Ihn und der Tod konnte Ihn nicht festhalten.“
Meine Worte hallen in der dämmrigen Kirche nach.
Leise aber eindringlich spreche ich weiter.
„Und weil Jesus das alles getan hat müssen wir nicht mehr gegen das Böse kämpfen, weil Jesus es schon besiegt hat.
Wir müssen den Weg zu Gott nicht mehr alleine suchen und wir müssen auch nicht mehr aus eigener Kraft versuchen, uns mit Gott zu versöhnen.
Das einzige, was wir tun müssen, ist, auf Jesus zu schauen und uns von Ihm führen zu lassen. Er zeigt uns den Weg, Er schützt uns vor dem Bösen und Er gibt uns alles, was wir brauchen.“

Im schwindenden Licht ist der gebrochene Körper Jesu am Kreuz kaum noch zu erkennen.
Dafür leuchtet die Kerze über dem Tabernakel umso heller, je dunkler es in der Kirche wird.