Sünde

Für die Farben, in denen der Himmel an diesem Winternachmittag bemalt ist, gibt es keine Namen.
Kalt-klares Himmelblaugrau, das zarte Sonnenuntergangs-Rosa einer leichten Wintersonne, Wolken wie aus schimmernden Spinnfäden gewoben, knapp vor dem Horizont ziehen vollbeladene dunkelnasse Bänder ihren Weg – und alles verläuft ineinander, als ob Gott beim Malen zu viel Wasser verwendet hätte…
Vor diesem Hintergrund erheben sich als Kontrapunkt die schwarzen, nackten Äste der Bäume auf der kleinen Insel im großen Fluss, in dessen eisigkalten Wassern sich das gesamte Kunstwerk spiegelt.

In unserer Winterrüstung aus Mützen, Handschuhen, Schals, dicken Jacken und gefütterten Stiefeln setzen wir unsere Fußspuren neben die der Wasservögel in den frischen Schnee am flachen Flussufer.
Das Eis zwischen den Steinen knirscht und knackst unter unseren Schritten.

„Gibt es aus dem Gottesdienst von heute Vormittag etwas, was dich besonders angesprochen hat oder worüber du nachdenkst?“ möchte ich von meinem lieben Freund Peter wissen.
„Naja, da waren auch heute in den Liedern und in der Predigt diese Schlüsselworte, da bleib ich immer wieder hängen, weil sie so schwierig sind und sie sind auch eigentlich unzeitgemäß. Das sind diese Begriffe von Sünde und Schuld und auch der Feind…
Sowas bringt mich nicht weiter.“
„Wie verstehst du diese Begriffe? Was heißt das für dich, wenn du ‚Sünde‘ sagst oder ‚Schuld‘? Den Feind lassen wir mal weg, das passt hier nicht so ganz dazu. Aber ich möchte gerne wissen, wie du diese Dinge siehst.“
„Also diese Vorstellung von Sünde und der christliche, der westliche Glaube helfen mir da nicht viel, wenn ich versuchen will, gut zu leben, weil mich die Geschichten und Gleichnisse auch nicht ansprechen, die sind mir zu wenig konkret. In der indischen Lehre gibt es viel praktischere Anweisungen, da geht es um Wissen. Im Christentum geht es vor allem um Glauben. Aber mit dem Wissen aus der indischen Lehre, da lerne ich, bewusst zu leben und Dinge zu vermeiden, die nicht gut sind – für mich und für andere.“
„Das glaub ich dir sofort, dass die indische Lehre dir hilft, bewusst zu leben und sorgfältig mit dir, mit anderen und mit der Schöpfung umzugehen.
Aber was ist, wenn du trotzdem sündigst, wenn du etwas Falsches tust? Was machst du, wenn du jemanden verletzt, psychisch oder physisch? Wie machst du das wieder gut?“
„Ich mache ständig was Falsches!“ lacht Peter und wirft spielerisch etwas Schnee nach mir.
Überrascht lache ich auf und revanchiere mich natürlich sofort, was eine kleinere Schneeschlacht nach sich zieht.

„Was hat Schnee eigentlich an sich, dass wir kichern und spielen wie die Kinder, egal wie alt wir sind?“ lächle ich, nachdem uns beiden schon nach wenigen Minuten die Puste ausgegangen ist.
„Was auch immer es ist, es ist schön.“ meint Peter.
„Jup,“ stimme ich ihm zu, „aber trotzdem kommst du mir nicht so leicht davon bei unserem theologischen Thema. Was macht man, wenn man schuldig geworden ist? Wie geht man damit um? Das ist doch die große Frage… Denn wir Menschen machen immer wieder Fehler.“
„Ja, keiner ist perfekt… Aber wenn ich die Bibel da richtig verstehe, dann hat Jesus doch alle unsere Sünden auf sich genommen, oder?“
„Ja….?“
„Heißt das, wir dürfen jetzt alles tun, was wir wollen?“ fragt Peter provokant grinsend.
Ich schüttle lachend den Kopf, während er seine Frage selbst beantwortet.
„Nein, ich weiß schon, dass das nicht so ist. Das wird ja auch schon in den Briefen im Neuen Testament diskutiert. Aber ehrlich, wie ist das, wie können wir Vergebung durch Jesus bekommen? Wie geht das?“
Nach kurzer Überlegung knüpfe ich an etwas an, über das wir schon ein paar Mal gesprochen hatten.
„Wenn man sündigt, dann ist das ja etwas, was eine Beziehung betrifft.“
„Die Beziehung zu Gott oder auch die Beziehung zu einem anderen Menschen wird dadurch beschädigt…“ ergänzt Peter.
„…oder sogar zerstört.“ füge ich hinzu und verfolge meine Gedanken weiter: „Wenn die Beziehung zu einem anderen Menschen betroffen ist, dann kann ich hingehen und um Verzeihung bitten und im besten Fall verzeiht mir der andere, dann kann die Beziehung wieder repariert werden.
Aber was ist, wenn wir die Beziehung zu Gott beschädigen? Wie können wir Ihn um Verzeihung bitten? Er ist so groß, so unvorstellbar weit weg, wie können wir mit Ihm reden…?“
„Nur durch Jesus.“
„Jesus ist die ausgestreckte Hand Gottes. Gott sagt damit zu uns: egal, was du getan hast, Ich bin bereit, dir zu verzeihen, wenn du es willst. Aber du musst es wollen, du musst ja zu mir sagen – Ich zwinge dich nicht.“
„Und wie geht das konkret?“
Ich seufze. Irgendwie passen meine Worte heute nicht so ganz zu dem, was ich eigentlich sagen möchte… Da scheint noch etwas zu sein, was wichtig ist, aber es ist knapp außerhalb meiner Gedanken und ich kriege es einfach nicht zu fassen.
Trotzdem spreche ich weiter.
„Es geht, wie du vorhin gesagt hast, um den Glauben. Darum, dass wir Gott vertrauen, Ihm einen Vertrauensvorschuss geben. Also dass wir sagen: es ist zwar komplett außerhalb von dem, was ich weiß und was ich mir vorstellen kann, aber ich glaube Dir, Gott. Ich glaube Dir, dass Du in Jesus Mensch geworden bist und ich glaube Dir, dass Jesus gestorben und auferstanden ist.“
„Also um dieses Gefühl des Vertrauens zu Gott…?“
„Nicht um das Gefühl – das ist eine bewusste Entscheidung, dass ich Gott vertrauen möchte.“
„Ich muss also ‚Ja‘ zu Jesus sagen!“
„Genau!“ bekräftige ich.
„Aber wenn es rein um Jesus geht, wozu brauchen wir dann das Alte Testament? Diese ganzen Regeln und Vorschriften zur Sündenvergebung und Versöhnung mit Gott hat Jesus doch damit überwunden.“
„Das Alte Testament ist die Geschichte Gottes mit Seinem Volk. Es sind Geschichten, wie Menschen Gott erlebt haben. Und das ist für mich zum Beispiel ganz wichtig, wenn ich eben nicht das Gefühl von Vertrauen habe, wenn ich nicht glauben kann, dass Gott mir nahe ist. Dann kann ich in den Psalmen lesen, dass da auch jemand war, dem es ganz dreckig gegangen ist und der das Gefühl hatte, von Gott verlassen zu sein – und dann hat dieser Mensch erlebt, dass Gott sich ihm zuwendet und ihm hilft! Darauf darf ich auch hoffen.
Oder die Erzählungen vom Volk Israel, das immer wieder gegen Gottes Gebote verstoßen hat – und Gott hat ihnen trotzdem jedes Mal die Chance gegeben, umzukehren und hat sie mit offenen Armen empfangen.“
„Und diese ganzen Gesetze? Da gibt es ja auch christliche Gruppen, die diese Regelungen aus dem Alten Testament ganz ernst nehmen und sogar noch welche hinzugefügt haben.“
„Dazu fällt mir etwas aus den Briefen ein – ich weiß nicht mehr genau, welche Stelle das ist – aber da heißt es, dass wir die Gesetze brauchen, solange wir ‚unmündig‘ sind. Also die Gesetze sind so eine Art ‚Sicherung‘, damit wir nicht aus Unwissenheit etwas Gefährliches tun. Wie ein Geländer bei einem Wanderweg, an dem man sich festhalten kann.
Und sobald wir Jesus kennen und Ihm vertrauen und nachfolgen, dann brauchen wir das Geländer nicht mehr, weil wir dann ja nur noch dahin gehen, wo Er ist. Also das wäre die Theorie.“ Ich lache.
„Ja, wir versuchen zumindest, dass wir nirgendwo anders hingehen, wenn wir Jesus nachfolgen.“ lächelt Peter. „Aber du hast schon recht. Wenn wir auf Jesus schauen und dorthin gehen wollen, wo Er ist, warum sollten wir dann noch links oder rechts gehen. Da ist das Geländer dann unnötig… Außer wenn ‚der Feind‘ uns von Jesus wegziehen will.“
„Ach ja, ‚der Feind‘…“
„Hat Jesus nicht gesagt, wir sollen auch unsere Feinde lieben? Hat er damit auch diesen Feind gemeint?“
Ich stupse Peter am Arm. „Stell nicht immer so provokante Fragen!“
Er stupst zurück. „Ist doch gar nicht provokant!" lacht er.
"Oder zumindest nur teilweise.“ meint er dann und erklärt mir seine Gedanken dazu. „Wenn uns ‚der Feind‘ oder ‚Satan‘ oder wie man ihn auch immer nennt, uns in Versuchung führt und uns zu etwas Bösem anstiften will, und wir reagieren darauf, indem wir ihn nicht bekämpfen, sondern versuchen, ihn zu lieben, dann hat er doch auch keine Chance, oder?“
„So ganz unrecht hast du damit nicht, denke ich. Aber Jesus hat wohl eher von den menschlichen Feinden gesprochen und nicht von ‚dem Feind‘.
Weil ich glaub nicht, dass es uns als Menschen gelingt, standhaft zu bleiben, wenn wir versuchen, den Satan zu ‚lieben‘ und gleichzeitig nicht das zu tun, wozu er uns bringen möchte. Es ist sein Wesen, dass er uns von Gott wegziehen möchte und wir Menschen haben gegen ihn kaum eine Chance.“
„Sind wir so schwach?“ Peters gespielte Verzweiflung bringt mich zum Lachen.
„Ja.“ muss ich lächelnd zugeben. „Ja, wir Menschen sind viel zu schwach, wenn es darum geht, konsequent auf einem nicht ganz einfachen Weg zu bleiben…“ sage ich dann wieder etwas ernster.
„Mir fällt da etwas ein, was jemand von unseren Jugendlichen in der Gemeinde mal gesagt hat: wenn Satan mich von Jesus wegziehen will, dann ignoriere ich ihn und drehe mich zu Jesus um und bitte Ihn, dass Er das für mich übernimmt.“
„Einfach Jesus für uns kämpfen lassen?“
„Ja! Weil Jesus ist der Einzige, der gegen den Satan kämpfen kann. Das ist nicht unser Job. Wir dürfen zu Jesus gehen und sagen: Du, da ist etwas, was mich von Dir wegzieht, das will mich von Deinem Weg abbringen – bitte mach das weg!
Und das können verschiedene Dinge sein. Bei mir sind das zum Beispiel die Traurigkeit und die Verzweiflung, die immer wieder kommen. Da könnte ich auch sagen, die sind vom Feind geschickt, damit ich Gott nicht mehr vertraue. Und dann konzentriere ich mich nicht auf diese Gefühle, sondern auf Jesus und bitte Ihn, dass Er diese Dunkelheit wegnimmt.“
„Und das hilft?“
„Mir hat es schon oft geholfen. Und jedes Mal, wenn ich selber versucht habe, gegen diese schweren Gefühle anzukämpfen, dann hat es damit geendet, dass ich vollkommen entkräftet war und es trotzdem nicht viel besser geworden ist…
Der Satan ist der Gegner von Jesus, nicht unserer. Wir haben die Aufgabe, an Jesus festzuhalten.“

Nachdenklich vergraben wir unsere Gesichter bis zur Nasenspitze in Schal und Haube – denn in der Zwischenzeit ist es dunkel geworden und die Kälte schneidet mit spitzen Klingen in jede Lücke unserer kuscheligen Rüstung – und gehen schweigend die letzten Meter bis zum Auto zurück.
In der warmen Wohnung machen wir uns einen heißen Tee und komponieren aus dem, was von Frühstück und Mittagessen übriggeblieben ist, ein leckeres Abendessen. Und dann ist es auch schon Zeit für mich, wieder in die Großstadt zurückzukehren und mich auf die neue Arbeitswoche vorzubereiten.

Zu Hause angekommen merke ich, dass mir unsere Gespräche noch im Kopf herumgehen.
Das Thema mit der Sünde, mit der Beziehung zu Gott… irgendwie habe ich da nicht die richtigen Worte gefunden, irgendetwas fehlt da noch…
Und wie so oft sprudeln die Worte dann zusammen mit dem warmen Wasser aus dem Duschkopf.
Bilder formen sich, Wege tun sich auf und ich gehe ihnen nach, während ich Zähne putze, in meinen Pyjama schlüpfe und mir die Haare föne.
Danach greife ich zum Handy und rufe meinen lieben Freund Peter an, der mich leicht überrascht begrüßt: „Hast du was bei mir vergessen?“
„Nicht bei dir, sondern heute Nachmittag hab ich was vergessen. Da war die ganze Zeit das Gefühl, dass noch etwas Wichtiges zu sagen wäre, aber ich konnte es nicht ganz greifen. Jetzt ist es mir eingefallen!“
Peters Lächeln ist durch das Telefon spürbar. „Na dann lass mal hören!“

„Aaaalso, es geht um das Thema Sündenvergebung und Beziehung zu Gott.“
„Mhm.“
„Als ich davon gesprochen habe, dass wir durch Sünde die Beziehung zu Gott beschädigen und zerstören und dass Gott uns durch Jesus zeigen möchte, dass Er uns vergibt, wenn wir um Vergebung bitten, da war das nur ein Teil dessen, was Jesus für uns tut und bedeutet.
Was auch total wichtig ist: Gott selbst ist ja nicht nur allmächtig und unendlich unvorstellbar groß, sondern Er ist auch vollkommen heilig und rein. In Seiner Gegenwart kann nichts sein, was nicht rein ist.
Wenn man das Bild mit dem Licht nimmt: da wo Licht ist, kann kein Schatten sein. Schatten ist nur dort, wo kein Licht hinkommt. Aber Gott durchdringt alles, deshalb kann in Seiner Nähe nichts bleiben, wo Er nicht ist.
Wenn wir Menschen jetzt als irdische Menschen mit all unseren unvollkommenen und dunklen Flecken zu Ihm kommen würden – das könnten wir nicht aushalten. Wir würden so auf der Stelle kaputtgehen, weil alles, was nicht Licht ist, von uns wegfallen würde.
Aber wenn wir Jesus in unserem Herzen haben, wenn wir zu Jesus gehören, dann steht Jesus vor uns und durch Ihn können wir in Gottes Gegenwart bestehen.
Jesus nimmt die Dinge von uns weg, die in Gottes Nähe nicht sein können.
Dadurch können wir Gott auch jetzt schon nahe sein, wo wir noch in der Welt sind und nach unserem Tod können wir Ihm noch viel näher sein…“
Stille.

„Peter?“
Ich nehme das Handy vom Ohr. Kein aktiver Anruf mehr.
Als ich versuche, Peter anzurufen, ertönt: „Der angerufene Teilnehmer ist zur Zeit nicht erreichbar. Bitte versuchen sie es zu einem späteren Zeitpunkt erneut.“
Kopfschüttelnd betrachte ich mein Handy und gehe ins Schlafzimmer.
Wahrscheinlich hat Peter wieder Probleme mit seinem prähistorischen Handy. Was er wohl noch von meinem Monolog gehört hat…?

Grade als ich das Handy zur Nachtruhe ausschalten will, bekomme ich eine Mail von meinem lieben Freund Peter.

„Guten Abend, Du meine liebe Dozentin! ;-)
Leider hat mein Handy soeben den letzten Atemzug getan und alle Wiederbelebungsversuche waren diesmal erfolglos.
Von deinen spannenden Gedanken habe ich nur den Anfang mitbekommen, aber ich rufe Dich morgen an, sobald ich ein neues Phone habe.
Oder kannst mir deine Erkenntnisse aufschreiben und schicken?
Schlaf gut und träum was Schönes!
Dein Peter“