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Wer ist Jesus?

Die kühle Morgenluft vertreibt das letzte bisschen Müdigkeit aus meinem Körper. Noch ist die Sonne nur eine Ahnung, ihr Licht nur als Schimmern im morgendlichen Nebel zu sehen, der die fernen Hügel verhüllt. Doch von den vergangenen Tagen weiß ich, dass sie zum Glockengeläut, das um sieben Uhr zur Frühmesse ruft, den einen Platz mit Wärme und Licht erfüllen wird, zu dem ich nun mit beschwingten Schritten auf dem Weg bin.
Vorbei an der Blumenwiese, nass vom Tau; ein Blick hinauf zur Hängematte, die oben am Hang zwischen den Apfelbäumen auf mich wartet; die einsame Rose zwischen den Birken am Wegesrand grüßend; in Gedanken den Sonnengesang des Franziskus singend, der auf liebevoll gestalteten Tafeln diesen Pfad umrahmt – so lasse ich mich von meinen Füßen den leicht abschüssigen Steinweg hinuntertragen und dann mit dem Schwung der nächsten Kurve wieder ein Stück hinauf, immer am Rand des großen Gartens entlang, der hinter dem Haus liegt.
Ein Stück voraus, links des Weges, verdecken einige Bäume und ein hochgewachsener Strauch mein Ziel beinahe vollständig – die aus Holzbalken und durchbrochenen Ziegelwänden errichtete Gebetslaube. Aber weil ich weiß dass sie da ist, kann ich sie beim Gehen schon zwischen den Ästen und Blättern erkennen.

Dort angekommen bleibe ich, wie jeden Morgen, vor dem Eingang kurz stehen und strecke mich dann beim Hineingehen, um mit meinen Handflächen den höchsten Punkt des steinernen Türbogens zu berühren.
Dieses Aufrichten ist für mich ein äußeres Zeichen, mit dem ich mir die Zusagen und Ermutigungen aus Joh 1,12 und Hebr 4,16 in Erinnerung rufe: ich bin Gottes Kind und ich darf voll Zuversicht zu Ihm kommen.
Mein lieber Freund Peter, der drinnen schon auf mich wartet, lächelt mir zu.
Ob er weiß, warum ich beim Betreten der Laube dieses kleine Ritual durchführe? Ich denke, ich hab es ihm noch nicht erzählt. Aber das werde ich sicher noch.

Das Knirschen meiner Turnschuhe auf dem Kiesboden begleitet die wenigen Schritte vorbei am niedrigen Tisch in der Mitte (der eine auf Baumstümpfen ruhende Holzplatte ist) und verstummt, als ich an der Stirnwand der Laube angekommen bin.
Dort gibt es eine breite hölzerne Plattform, knapp einen halben Meter über dem Boden und ein Stück weiter oberhalb sind etwas schmalere Bretter angebracht, die zum Sitzen oder Anlehnen einladen. Bevor ich die Plattform betrete, ziehe ich meine Schuhe aus.
Dann setze ich mich nach oben an den Rand, wo die schmalen Planken und die Stirnwand zusammenkommen und sich die Laube zur Wiese hin öffnet, lehne mich mit dem Rücken an die Ziegelwand hinter mir und lege die Bibel, mein Notizbuch und die Buntstifte neben meine ausgestreckten Beine.
Rechts von mir sitzt Peter und rechts von ihm ist das hölzerne Kreuz in die Wand eingefasst, so dass Laube und Kreuz eine Einheit bilden.

„Warum sitzt du immer hier oben in der Ecke?“ fragt mich mein lieber Freund.
„Naja, zum einen weil um sieben dann die Sonne genau hierher scheint“ – die ersten Sonnenstrahlen, die bereits meine bunten Socken kitzeln, bestätigen meine Worte – „und zum anderen, weil ich hier gerne neben dem Kreuz sitze, quasi mit Jesus an meiner Seite, der mir den Rücken stärkt.“
„Aber jetzt sitze ich zwischen dir und Jesus…“ meint Peter und schaut mit einem fragenden Lächeln von mir zum Kreuz.
„Das passt schon, wir drei sitzen alle gemeinsam hier und das ist gut so.“ grinse ich.
“Wir sind ja eine Familie.” bestätigt Peter. “In meinem Handy hab ich dich jetzt auch unter ‘Familie’ eingespeichert.”
“Echt? Dann hast du mich quasi adoptiert!” lache ich.
“Naja, alt genug wäre ich ja.” lächelt er. “Aber wir sind doch wirklich Geschwister im Glauben, oder? So sagt man das ja. Und in Indien kenne ich das auch – das ist dort meine ‘soul family’. Meine Kinder, Enkelkinder und andere Verwandte sind meine weltliche Familie.”
“Ich sage über meine Gemeinde, dass sie meine ‘Herzensfamilie’ ist - aber ‘soul family’ finde ich auch einen guten Begriff…”
“Es ist schön, dass du zu meiner soul family gehörst…”
“Jup. Finde ich auch...”

Schweigend genießen wir die Gemeinschaft und die sanften Pinselstriche, die das immer kraftvoller werdende Sonnenlicht in die morgendlichen Nebelschwaden malt, um die darunterliegende Landschaft sichtbar zu machen.

Peters Gedanke klingt in die Stille hinein. „Wer ist Jesus eigentlich für dich?“
„Alles.“ ist meine erste Reaktion.
Selbst ein wenig überrascht von dieser heftigen und klaren Antwort gehe ich zurück zu dem einen Moment, in dem ich zum ersten Mal so intensiv realisiert habe, wer Jesus für mich ist und dass Er mich wirklich liebt.
„Aber das war nicht immer so.“ nehme ich Peter auf diese Gedankenreise mit. „Früher hatte ich eine ganz enge Beziehung zu Gott Vater, aber mit Jesus konnte ich nicht viel anfangen.
Das hat sich erst in meiner jetzigen Gemeinde geändert, wo ich Jesus durch die Beschäftigung mit der Bibel und durch meine Glaubensgeschwister immer besser kennengelernt habe. Vor allem an einen Moment erinnere ich mich, als ob es grade erst passiert wäre…
Es war ein Sonntag, ich war noch relativ neu in der Gemeinde und mir ist es damals überhaupt nicht gut gegangen. Ich war ganz tief in der Depression drinnen, alles war dunkel und schwer.
Eine liebe Schwester aus der Gemeinde hat das gemerkt und hat mich gefragt, was los ist. Wir sind in den Raum hinter dem Gottesdienstsaal gegangen, den mit dem Fenster, wo man in den Saal hinaussieht und haben geredet.“ Mein tiefes Seufzen lässt mich spüren, wie stark die Situation von damals noch in mir nachklingt.
„Ich hab ihr auch erzählt, dass ich mich selber nicht mehr mag, dass ich mich so klein und ungeliebt und unwert fühle… Sie hat mir zugehört und dann ihren Arm um mich gelegt und hat durch das Fenster auf das leere Kreuz gezeigt, das vorne im Saal hängt.
‚Was siehst du dort?‘ hat sie gefragt.
‚Jesus‘ war meine Antwort – weil ich Ihn auch am leeren Kreuz immer noch gesehen habe.
‚Jesus. Er ist ans Kreuz gegangen, weil Er dich liebt, genauso wie du bist. Und Er ist auferstanden und hat den Tod besiegt, weil Er dich liebt. Jesus kennt dich ganz genau und Er liebt dich so sehr.‘
Ich habe geweint, weil ich in diesem Moment zum ersten Mal wirklich glauben konnte und gefühlt habe, dass es stimmt, was sie sagt: dass Jesus mich liebt.“
Die Intensität mit der ich damals die unbedingte Liebe Jesu zu mir erlebt habe, erfüllt uns quer durch die Zeit und legt mir die Worte aufs Herz und in den Mund: „Und genauso liebt Er dich auch, Peter. Jesus kennt dich vollständig und mit allem, was du bist. Er liebt dich bedingungslos…“

Ist es zu beschreiben, wie in diesem Moment die Welt um uns herum und alles in uns hell und warm und schön wurde? Nein…

Als wir unsere Stimmen wiederfinden, komme ich auf Peters Frage zurück, was Jesus für mich bedeutet.
„Weißt du, an Jesus ist für mich am erstaunlichsten, dass Gott in Ihm wirklich auf Augenhöhe mit uns kommen wollte. Gott hat uns geschaffen und als wir uns dann entschieden haben, dass wir ohne Ihn leben wollen, hat Er immer wieder versucht, die Beziehung zu uns wieder aufzubauen. Und das Größte, was Er tun konnte war dann, dass Er selbst Mensch geworden ist. Er hat sich klein gemacht, hat von Anfang bis Ende erlebt, wie es uns geht, damit Er uns in die Augen sehen, zu uns reden und uns berühren kann.“
„…und damit Er uns erklären kann, wer Gott ist…“
„…und damit Er uns in seinem Leben zeigen kann, was Gott von uns möchte, weil wir all die Gebote vorher nicht richtig verstanden haben.“
„Und seine stärkste Botschaft ist die Liebe.“
„Genau. Und was ich noch so erstaunlich finde: Jesus hat in den Menschen nicht nur das gesehen, was sie damals waren, sondern Er hat immer das gesehen, was sie werden konnten. Er hat ihr Potential gesehen. Bei den Jüngern, vor allem bei Petrus und dann ganz besonders bei Paulus. Aber auch bei den Menschen, die Ihm sonst so begegnet sind, mit denen Er geredet hat und die Er geheilt hat.
Und so ist das auch bei uns. Gott sieht und weiß, wer wir sind – aber Er sieht mit Seinen Augen ganz deutlich das, was in uns schön und großartig ist. Mit allem was Er tut, will Er uns helfen, dass genau diese Seiten zum Vorschein kommen.“
„…Er meint es gut mit uns…“
„Ja genau!“ freue ich mich. „Absolut gut, ohne eigennützige Hintergedanken oder eine andere Motivation außer der, dass Er uns liebt!“

Dass uns in diesem Moment die Kirchenglocken zur Morgenandacht rufen, ignorieren wir ausnahmsweise und genießen die Sonne, deren Licht und Wärme jetzt bereits uns beide und das Kreuz einhüllen.
Peter lächelt. „Das ist so schön in diesen Momenten – da spüre ich auch, dass Jesus mich liebt und da kann ich auch glauben, dass Er Gott ist…“ Dann wird er ernster. „Aber das Gefühl ist dann wieder weg. Ich kann es nicht festhalten.“
„Das geht mir auch so. Ich kann das auch nicht immer spüren. Gefühle sind manchmal da und manchmal weg und oft werden sie von anderen Dingen verdeckt.
Aber das ist bei Freunden oder Beziehungen doch auch so: manchmal hat man das Gefühl, der andere ist einem böse oder man streitet oder fühlt sich alleine. Was machst du dann?“
„Mit dem anderen reden.“
„Und das können wir mit Gott auch. Mir hilft es dann, dass ich in der Bibel lese – da steht unzählige Male, dass Gott uns liebt! – oder Lobpreislieder höre oder in die Stille gehe.“
„Stille ist ganz meins, das ist gut! Und bei der Bibel finde ich es immer wieder erstaunlich, wie viel Kraft diese Worte haben…“
Ich nicke zustimmend. „Und diese Worte bestätigen mir eben immer wieder, dass Gott mich liebt, ganz egal, was ich grade spüre oder wie ich mich fühle. Ich weiß dann einfach, dass es so ist und halte mich an dem Wissen fest, bis das Gefühl auch wieder da ist.“ In meiner Erinnerung taucht ein Erlebnis auf. Bevor ich mich noch bewusst entschieden habe, das mit Peter zu teilen, was ich noch nie jemandem erzählt habe, sind die Worte schon da. „Weißt du, einmal, da war das ganz heftig…“
Peter schaut mich offen und erwartungsvoll an.
„Ich hab mich total alleine gefühlt und war nur noch verzweifelt. Ich bin ich in den leeren Gottesdienstsaal gegangen, hab mich auf die Stufen gesetzt mit dem Rücken zum Kreuz und einfach nur geweint. Und dann habe ich ganz intensiv gespürt, wie Jesus plötzlich neben mir sitzt und mich in den Arm nimmt. So richtig, als ob da wirklich jemand wäre. Er hat mich getröstet und die Traurigkeit war weg. Das war so schön…“
Nach einer kurzen Pause spreche ich weiter. „Wir können immer zu Ihm kommen. Und grade wenn wir das Gefühl haben, dass Er nicht da ist, dann ist es wichtig, Ihn zu suchen. Weil meistens steht uns da irgendwas im Weg, was uns die Sicht auf Ihn verstellt. Und dann bitte ich Ihn, dass Er das wegräumt. Und Er hört mich, auch wenn ich Ihn grade nicht sehe. Als ob Er auf der anderen Seite einer Wand steht und mich durch die Wand hört – und wenn ich Ihn darum bitte, dann reißt Er die Wand ein, so dass wir uns wieder sehen und umarmen können.“
„Du hast da eine sehr liebe Beziehung zu Gott. Du redest wirklich mit Ihm, als ob Er da wäre wie ein Mensch.“
„Aber, das ist ja genau das Wichtige!“ Ich springe auf und hüpfe auf die untere Plattform vor dem Kreuz. „In Jesus ist Er ja Mensch geworden und deshalb dürfen wir so mit Ihm reden! Jesus hat gesagt, dass Gott unser Papa ist – und einem Papa darf ich einfach sagen, was los ist. Und Jesus ist unser großer Bruder.“ Mit verschränkten Beinen setze ich mich vor das Kreuz und winke Peter, sich neben mich zu setzen, was er mit einem breiten Lächeln tut.
„Weißt du, Peter, das hab ich gemeint, als ich gesagt habe, Jesus ist ‚alles‘ für mich. Er ist mein großer Bruder, dem ich hundertprozentig vertraue und der mich tröstet; Er ist mein Lehrer, der mir beibringt, was richtig und gut ist; Er ist derjenige, der auf mich aufpasst und mich warnt, wenn ich eine gefährliche Grenze überschreite; Er hat die schlimmste Dunkelheit erlebt und weiß, wie es mir geht, wenn es rund um mich so dunkel und einsam ist; Er hat sogar den Tod besiegt, das heißt, Er ist stärker als alles, was mir Angst macht und Er kann mich davor beschützen; und Er ist der Einzige, der mich begleiten kann, wenn ich irgendwann am Ende der Zeit vor Gott stehe – und Er steht an meiner Seite, wenn dann aufgedeckt wird, was ich in meinem Leben alles gemacht habe….“ Atemlos verstumme ich, obwohl mir noch so vieles einfallen würde. Wird mein bester Freund mich jetzt für verrückt halten?

Aber Peter lächelt. „Das ist so schön, wenn du so begeistert bist…“
„Be-geistert ist gut.“ freue ich mich mit ihm.
„…solange es der Heilige Geist ist!“ lachen wir beide.

Nach einigen Minuten in fröhlicher Stille vor dem leeren Kreuz gehen wir ins Haus zum Frühstück mit unseren anderen Glaubensgeschwistern und Freunden.