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Schöpfung

Ein einsames Blatt hängt am Baum – gelblich-orange, eher blass und doch leuchtend.
Wenn es fällt, wird es zwischen all den anderen Blättern landen, vielleicht auf einer der dunkelbraunen Wurzeln, die auf dem felsigen Boden immer wieder durch die Erde gebrochen sind, um neue Nahrung für den Baum und das Blatt zu finden.
Aber falls sich dieses letzte Stück Baumkleid nicht von selbst löst und sanft hinunterschwebt, sondern vom Herbstwind losgerissen wird, dann könnte es auch sein, dass es in den kleinen Bach fällt, der links von uns unermüdlich daran arbeitet, diese wunderschöne Klamm zu erweitern.
Das Plätschern und Gluckern des Wassers füllt die Stille mit Leben und uns mit Staunen über die Beharrlichkeit, durch die scharfkantige Felsen zu weichen Formen werden, während wir vorübergehen.

„Wie ist das jetzt mit der Schöpfung?“ fragt mein lieber Freund Peter. „Glaubst du wirklich dran, dass das alles so geschaffen wurde, wie es in der Bibel steht?“
Ich muss lächeln. Wie sehr haben mir diese Gespräche gefehlt!
Und wie schön, dass wir hier, ganz eingehüllt von dem Thema, dem Grund von Peters Frage, darüber sprechen! Es ist, als ob man die Entstehung und die Muster einer beeindruckenden Symphonie beobachten und sich darüber austauschen darf, während eben diese Musik von einem leidenschaftlichen Orchester gespielt wird.
Ich genieße den Blick auf das klare Wasser, die herbstliche Luft voller Holz-, Stein-, Moos- und Blättergeruch und bete um die richtigen Worte, um dieser Schönheit gerecht zu werden, bevor ich antworte.
„Also, dass Gott die Welt in sechs 24-Stunden-Tagen erschaffen hat, das glaube ich nicht, damit hätte ich das Gefühl, Gott auf menschliche Zeiteinheiten einzuschränken.“
Während ich spreche, fliegen meine Gedanken zu mir bekannten Menschen, die sehr wohl 6x24 Stunden als göttliche Schöpfungszeit annehmen und für die ein Zweifel daran gleichbedeutend ist mit dem Anzweifeln von Gottes ureigenem Wort.
Zweifle ich an Gottes Wort und gebe diese Zweifel an Peter weiter, indem ich so antworte?
Nein, sagen mein Herz, meine Seele, mein Verstand. Ich habe die Allmacht von Gottes lebensspendenden Worten an mir selbst erfahren – ich glaube Ihm.
„Die Bibel ist Gottes Wort im Menschenwort.“, führe ich meine Gedanken weiter aus. „Menschen haben in ihren Worten aufgeschrieben, was sie von Gott bekommen haben, was sie mit Ihm erlebt haben. Und dadurch, dass Gott so unendlich viel größer ist als alles, was wir uns vorstellen können, mussten sie das natürlich verkleinern und in Bilder verpacken.
Wir sind also gefordert, durch diese Menschenworte hindurch zu schauen und dahinter, darüber hinaus, Gottes Worte zu erkennen.
Dabei dürfen und müssen wir darauf vertrauen, dass Gottes Heiliger Geist die Menschen damals beim Schreiben geleitet hat und dass Er uns auch heute leitet, wenn wir versuchen, die geschriebenen Worte zu verstehen.“
„Die Menschen haben damals also versucht, das zu beschreiben, was man eigentlich überhaupt nicht beschreiben kann. Und sie haben dazu Bilder verwendet, die dem, was sie mit Gott erlebt haben, möglichst ähnlich waren, meinst du?“
„Ja, genau. Und so lese ich auch diesen ersten Schöpfungstext in der Bibel: in der Natur haben die Menschen gespürt, dass da eine Kraft ist, die wir nicht sehen können und sie haben Gottes Wirken darin gesehen. Ihr Staunen und ihre Dankbarkeit für die Schöpfung haben sie dann in diesem lyrischen Text, diesem Hymnus beschrieben – mit Strophen und einem Refrain – und in dieser 7-Tage-Struktur zeigt sich schon eine grundlegende Ordnung, die den Inhalt des Textes nochmal verstärkt.“

Die großen Felsen neben dem Weg schlucken meinen nächsten Gedanken. Als ob sie jeden Moment abrutschen könnten, so liegen sie übereinander – aber Moos und Bäume auf und neben ihnen zeigen an, dass sie schon seit Jahrzehnten diese faszinierenden Formationen bilden.
Verspielt stemme ich mich gegen den größten Brocken, als ob ich ihn davon abhalten müsste, uns und den Weg unter sich zu begraben. Nun ist es Peter, der sich nicht gegen das Lächeln wehren kann (und auch nicht will). Schon hat er sein Handy in der Hand und versucht, den Augenblick festzuhalten. Die enormen Größenunterschiede zwischen dem Felsen und mir offenbaren die künstliche Selbstüberschätzung meines Spiels, also verzichte ich darauf und stelle mich vertrauensvoll unter den ruhenden Stein. Es ist ein gutes Foto.

„Ja“, meint mein lieber Freund, während er das Handy wieder einsteckt und mit einer Bewegung alles Sichtbare umfasst, „ja, dass hier mehr ist, als wir sehen können, das ist offensichtlich, das kann man nicht leugnen.“
In fröhlichem Schweigen steigen wir über Wurzel- und Steinstufen an der vom Wasser gegrabenen Schlucht entlang bachaufwärts.
Das menschengemachte Holzgeländer links von uns dient als Halt, während unsere Blicke und Gedanken über all das schweifen, was der Mensch niemals erschaffen oder gestalten könnte.
In der nächsten Ruhepause werden Gedanken erneut zu Worten.
„Weißt du noch, worüber wir letztens gesprochen haben? Worum es in der Schöpfung geht?“ knüpfe ich an ein vergangenes Gespräch an, das wir am Ufer der Donau geführt haben (irgendwie zieht es uns immer wieder zum Wasser…)
Peter fasst unser Gespräch zusammen: „Nicht wie, sondern warum - das ist das Thema. Die biblischen Schöpfungstexte versuchen zu erklären, warum Gott alles geschaffen hat. Es geht um Seine Beziehung zur Schöpfung und zu uns. Und um unsere Beziehung zur Schöpfung.“
„Genau. Gott ist Liebe und Liebe ist nur in Beziehung lebendig. Nur im Du, im Wir gibt es Beziehung und Liebe. Durch die Schöpfung wollte Gott das, was Er selbst ist, weitergeben.
Und das Leben braucht eine gewisse Ordnung, deshalb hat Er das Chaos geordnet. Er hat die Bedingungen dafür geschaffen, dass Leben möglich ist.“
„Wie hat denn dieses Chaos ausgesehen?“ fordert mich Peter heraus.
„Ich weiß es nicht.“ so meine lachende Antwort. „Aber ich stelle es mir so vor,“ – und dabei steigen vor meinen Augen Wasser, Felsen, Pflanzen, Erde auf und vermischen sich mit Wolken und Luft – „dass nichts voneinander unterscheidbar war, alles war durcheinander und ineinander und nichts hatte Platz, weil alles überall war…“ – meine Hände deuten die Verschränkung und Verwirbelung der Elemente an.
„Und es gab ja noch kein Leben!“ wirft Peter ein.
„Kein Leben, keine Möglichkeit zu leben… bis Gott angefangen hat, Ordnung zu schaffen.
Manche Menschen verstehen Ordnung nur als …“ – ich forme einen eckigen Kasten – „…als gerade, einschränkende Regeln, als Kästen und sie lehnen sie ab, aber Ordnung ist ja alles, was du hier siehst! Ordnung heißt, dass Wasser, Luft, Erde und Licht so zusammenwirken, dass Leben möglich ist. Ordnung heißt, dass die Dinge ineinandergreifen und eines die Voraussetzungen für das andere bildet.“
Peter betrachtet das verrottende Laub am Fuße der Felsen. „Ordnung sind nicht nur kristalline Strukturen, sondern alles greift ineinander…“ wiederholt er nachdenklich.
„Wie ein Uhrwerk.“ ergänze ich leise. „Gott hat einen Garten angelegt, in dem das Leben selbst wachsen kann.“
Das Wasser murmelt bestätigend und das Licht lässt Wasserpflanzen und Moos leuchten. Mir ist, als könnte ich die Verflechtungen sehen, die Zahnräder und die Bänder, die in alles hineingewebt sind.
Beim Weitergehen lassen wir die Schöpfungstage an uns vorüberziehen.
„Gott hat also Licht und Finsternis getrennt…“ beginnt Peter.
„..und dann die Wasser oberhalb des Himmels von denen unterhalb des Himmels.“ setze ich fort und erinnere mich an meinen Hebräisch-Kurs. „Das ist im Hebräischen total interessant! Das Wort für Wasser ist ‚majim‘ und das Wort für Himmel ist ‚schamajim‘ – da ist also schon in den Worten selbst diese Vorstellung spürbar, dass der Himmel blau ist, weil oberhalb des Gewölbes auch Wasser ist!
Und dann hat Gott die Wasser hier auf der Erde noch weiter geteilt, so dass es einen Unterschied zwischen Wasser und Land gibt, wo dann auch schon Pflanzen wachsen.“
„Danach hat Er die Sterne und Sonne und Mond gemacht, damit sich Tag und Nacht unterscheiden, und Monate und Jahre.“
„Damit war der ‚Garten‘ soweit vorbereitet, dass Gott ab dem fünften Tag Tiere und am sechsten Tag dann auch Menschen ins Leben rufen konnte. Ihr Lebensraum war fertig.“
„Das heißt, Gott hat damit Sein Ziel erreicht. Er hat aus dem Chaos heraus Raum geschaffen, in dem Gemeinschaft und Liebe möglich sind.“ Peters Lächeln erhellt den herbstlichen Tag. „Das war es, was Gott wollte! Aber wie Er das gemacht hat, lesen wir nicht in dem Schöpfungshymnus.“
„Ich denke, dass sich Bibel und Wissenschaft hier ganz gut ergänzen – die Bibel beschreibt das ‚warum‘, also den Sinn hinter den Dingen und die Wissenschaft beschreibt das ‚wie‘, also die Mechanismen. Zu Gottes Ordnung gehören auch die Naturgesetze, die Er in allem angelegt hat. Schwerkraft genauso wie Evolution und alles andere. Und Er hat dann auf diese Gesetze aufgebaut und sie genutzt, um die ganze Vielfalt zu erschaffen. Warum sollte er das nicht so machen?“
Peter lacht - „Keine Ahnung!“ - und reicht mir die Hand, um mir die letzte Steigung hinaufzuhelfen.