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Schöpfung und Zerstörung

Die Flutlichter blenden uns schon von weitem.
„Nicht wundern, da ist wieder ein Fußballspiel heute Abend.“ informiert mich mein lieber Freund Peter.
Das extreme künstlich-weiße Licht überflutet die Wiese, den schmalen Fußweg auf dem wir gehen, die Böschung und den Kiesstrand am Ufer der Ybbs, wo die Enten, Schwäne und Wildgänse ihre Köpfe unter die Flügel gesteckt haben und schlafen.
„Stört die das nicht?“ frage ich Peter, der beinahe jeden Abend hierher zum Fluss kommt.
„Sie lassen sich zumindest nichts anmerken. Aber vielleicht haben sie sich auch schon daran gewöhnt.“
Ich bleibe stehen. „Alles sieht so unwirklich aus mit dieser Beleuchtung.“
„Schau dir mal die Spiegelung der Bäume auf dem Wasser an.“ Peter deutet auf das gegenüberliegende Flussufer. „So klar – als ob man drüber laufen könnte.“
Gebannt betrachten wir die grell erleuchtete aber beinahe lautlose Welt, die sich wie ein leicht überbelichtetes Foto oder eine Filmkulisse anfühlt.
Vom Fußballstadion ist außer dem Licht nichts wahrzunehmen; die Bäume sind in der kalten Helligkeit erstarrt und strecken ihre fast kahlen Äste dem wolkenlosen dunkelgrauen Nachthimmel entgegen; das Wasser fließt mit einer kaum wahrnehmbaren Geschwindigkeit an den reglosen Vögeln vorüber; und auch die leisen Motorengeräusche auf der Straße am gegenüberliegenden Ufer scheinen von der bleichen Stille geschluckt zu werden.
Wir lösen uns von dem faszinierenden und doch leicht unbehaglichen Bild.

In nachdenklichem Schweigen gehen wir den verlassenen Weg, der heute uns alleine gehört, bis zur ersten Biegung, wo hohe Bäume den Flutlichtern Einhalt gebieten.
Erst dort durchbrechen Peters Gedanken die Stille.
„Denkst du, Gott hat irgendwann genug davon, dass wir seine Ordnung so extrem stören?“
„Was meinst du genau?“
„Naja, er hat doch Ordnung geschaffen, damit Leben möglich ist. Er hat alles so angelegt, dass eins ins andere greift und aufeinander aufbaut. Und wir Menschen bringen das durcheinander, wir versuchen, unseren eigenen Kopf durchzusetzen.“
Ich nicke nachdenklich.
„Und in der Offenbarung steht doch, dass Gott alles neu machen wird.“ fährt Peter fort. „Aber wird Er vorher alles hier zerstören? Ihr habt doch letztes Jahr in eurer Bibelstunde die Offenbarung gelesen – wie wird das da beschrieben?“
„Naja, in der Offenbarung steht schon, dass Gott die Welt zerstören wird, bevor Er sie neu macht… Aber weißt du, aus welchem Grund Er das tut?“
Peter schüttelt den Kopf.
„Du hast vorhin gesagt, dass wir Menschen die Ordnung Gottes durcheinanderbringen, dass wir unsere eigenen Wege gehen wollen – das ist schon ein Teil der Antwort.
Gott hat die Welt als den Ort geschaffen, an dem wir alle mit der Natur, miteinander und mit Ihm in Gemeinschaft leben können. Damit das möglich ist, braucht es eben eine bestimmte Struktur.“
„Gottes Ordnung.“ wirft Peter ein.
„Genau. Und wir leben nicht mehr in dieser Ordnung, wir haben uns dagegen entschieden. Das spüren heute viele Menschen, auch wenn sie nicht an den christlichen Gott glauben.“
„Sie sind unsicher, auf der Suche nach Halt und nach einem Sinn in ihrem Leben...“
„...weil sie merken, dass die Welt aus dem Gleichgewicht ist, dass wir mit unserem Lebensraum nicht im Einklang leben. Und Gott möchte uns wieder dorthin führen, dass wir Seine Ordnung erkennen und uns wieder ‚einklinken‘.“
„Er möchte, dass wir wieder so leben, wie damals im Paradies, wo Er mit uns gemeinsam im Garten spazieren gegangen ist.“ Da wir mittlerweile auf einem vollkommen dunklen Stück des Weges angekommen sind, kann ich Peters Lächeln nicht sehen – aber es ist in seinen Worten deutlich zu hören, wie sehr ihm dieses Bild gefällt.
Mit Gott gemeinsam durch den Garten zu gehen… Ob es dann jemals dunkel wäre? Auf jeden Fall wäre das Licht in Seiner Gegenwart niemals so bleich und grell wie das künstliche Leuchten der Flutlichter vorhin.

„Aber warum muss Gott diese Welt zerstören, wenn Er den Garten Eden wieder aufbauen möchte? Kann Er ihn nicht einfach aus allem hier neu erschaffen?“ unterbricht Peter meine Gedanken.
„Naja, dass Gott die Erde neu machen möchte, ist nur ein Teil dessen, was in der Offenbarung beschrieben ist. Er möchte ja auch, dass die Menschen sich für die Gemeinschaft mit Ihm entscheiden, weil Er die Liebe und das Leben ist. Und Er hat uns den freien Willen geschenkt und möchte, dass wir uns frei entscheiden.
Das heißt, Er versucht immer und immer wieder, uns Hinweise zu geben, welchen Weg wir gehen sollten. Er ruft uns und geht uns nach...“
„…durch die Propheten und durch Jesus und durch die Apostel und viele andere Menschen.“
„Und durch Wunder und die Bibel und die Kunst… Er versucht es auf allen möglichen Wegen und Er versucht, jeden einzelnen Menschen zu erreichen.“
„Und irgendwann ist Seine Geduld dann zu Ende.“
„Vielleicht.“, überlege ich, „Aber in der Offenbarung steht es eher so, dass Er die Menschen, die sich schon für Ihn entschieden haben, nicht mehr länger warten lassen möchte. Die leiden ja unter den Zuständen auf dieser Welt, unter den Ungerechtigkeiten und der Zerstörung. Und sie warten darauf, dass Gott Sein Versprechen einlöst und die Welt neu macht.
Und eines Tages kommt dann der Zeitpunkt, den Gott festgesetzt hat, wo Er Sein Wort in die Tat umsetzt.“
„Aber wir können nicht wissen, wann das sein wird.“
„Nein, aber wir werden es merken, wenn es passiert, da kannst du dir sicher sein…
Das ist dann diese Zeit, wo Gott die Schöpfung quasi rückabwickelt. Also Er verfinstert das Licht, Er lässt die Sterne vom Himmel fallen, bringt Land und Wasser durcheinander, die Flüsse werden giftig, die Schöpfung wird gefährlich für die Menschen...“
Auf diesem lichtlosen Weg mit dem Fluss, der dunkel und lautlos neben uns stillzustehen scheint, kann ich die Bilder aus der Offenbarung vor mir sehen und gehe unwillkürlich ein Stück näher an Peter heran.
„Gott möchte, dass die Menschen Ihn erkennen“, erkläre ich „und deshalb lässt Er am Schluss die Erde und den Himmel so langsam zusammenbrechen, dass die Menschen noch immer Zeit haben, sich zu entscheiden.
Aber wenn auch das vorbei ist, dann muss Gott zu Seinem Wort stehen und Er muss auch die Entscheidung der Menschen respektieren. Wer bis dahin dabei geblieben ist, dass er ohne Gott leben möchte, der wird am Ende der Zeit dort sein, wo Gott nicht ist.“
„Und das nennen wir Hölle...“
„...und das nennen wir Hölle.“ wiederhole ich leise Peters Worte.
„Aber die neue Erde wird wie das Paradies sein?“
„Wie das Paradies und noch viel schöner! Es wird dort keine Tränen mehr geben, kein Leid und keinen Tod – und auch keine Versuchung und nichts, was die Gemeinschaft miteinander und mit Gott stört! Wir müssen diese Verse mal gemeinsam lesen, wo das beschrieben wird. Die sind wirklich beeindruckend!
Die goldene Stadt, die Bäume des Lebens und der Fluss...“ Eine Bewegung im dunklen Wasser, in dem sich mittlerweile das Mondlicht spiegelt, lässt mich innehalten. „Da schwimmt etwas, Peter, schau mal!“ flüstere ich.
„Ein Biber…!“ flüstert er zurück und legt seine Hand auf meinen Arm. „Ganz still, sonst taucht er unter, wenn er uns sieht.“
Mit großen Augen beobachte ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Biber in freier Wildbahn.
Wir dürfen sehen, wie er mit ruhigen Bewegungen durchs Wasser gleitet, mal hierhin, mal dorthin schwimmt, am Ufer eine Pause einlegt, um mit seinen Pfoten und Zähnen einen Gegenstand zu untersuchen, der auf dem Wasser getrieben ist, wie er sich putzt und schließlich untertaucht. Als er wieder an die Oberfläche kommt, ist er so weit weg, dass wir ihn kaum noch erkennen können.

Und so machen wir uns ganz leise wieder auf den Rückweg, um ihn und die anderen Nachtlebewesen nicht länger zu stören.