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der liebevolle Gott

Die Straßenlaternen am anderen Ufer des Flusses haben kaum eine Chance gegen die Dunkelheit. Auch ihr Spiegelbild auf dem träge dahinfließenden Wasser ist keine wirkliche Unterstützung.
Enten und Schwäne sind zusammengekauerte Flecken am Ufer – nur sichtbar, weil sie noch etwas dunkler sind als ihre Umgebung.

„Gott ist Liebe, das ist vollkommen klar. Er kann nichts Anderes sein.“
Peters nachdenkliche Worte klingen in der Stille nach.
„Weißt du, was dazu mein Lieblingsbild ist?“ greife ich seinen Gedanken auf.
Sein Kopfschütteln spüre ich mehr, als es zu sehen.
„Die Erschaffung des Menschen in Genesis 2.“
„Wo Gott den Menschen aus Erde formt?“
„Genau - und da ganz besonders der Moment, wo Er dem Menschen den Lebensatem einhaucht… Stell dir mal vor,“ - ich bilde mit den Händen eine kleine Schale, als ob ich ein winziges Wesen darin bergen wollte - „stell dir vor, du hast aus Erde einen kleinen Menschen geformt, so zerbrechlich, so zart, und dann...“ - langsam führe ich meine Hände zu meinem Gesicht - „...dann hältst du ihn ganz nahe an deinen Mund und hauchst ihm vorsichtig deinen Atem ein...“
„…ein schönes Bild – wie ein Kuss...“ flüstert Peter.
„Genau… Gott hätte so viele andere Möglichkeiten gehabt, dem Menschen Leben einzuhauchen, aber Er macht es genau so. Voller Liebe und Zuneigung.“
Schweigend stehen wir am Fluss.

„Wirklich ein schönes Bild...“ wiederholt Peter nachdenklich.
„Aber…?“ spreche ich das Wort aus, das in der Luft hängt.
„Aber das passt so gar nicht zu dem Gott des Alten Testaments! Da sind so viele Stellen, mit denen ich einfach nichts anfangen kann, weil sie so brutal sind und Gott so streng und teilweise grausam dargestellt wird.“
„Ja, das ist echt nicht einfach. Aber in diesem Text kommt so klar raus, dass die Menschen Gott vor allem als liebevoll und fürsorglich erlebt haben. Die Schöpfungstexte sind die Basis für alles Weitere.
Und da wird beschrieben, wie Gott einen Lebensraum für den Menschen erschafft, wie Er dann den Menschen eigenhändig formt und ihm so zärtlich etwas von Seinem eigenen Geist, von Seinem eigenen Leben einhaucht.
Hätten die Menschen damals Gott nicht so wahrgenommen, dann hätten sie andere Bilder für die Erschaffung von Himmel, Erde und Leben gefunden.“
„Und trotzdem wird Er nachher auch als grausam beschrieben.“
Wir machen uns wieder auf den Rückweg.

„Ich glaube, das hat mehrere Gründe. Es ist sind ja immer noch Menschenworte, auch wenn sie von Gott inspiriert sind. Und damals war es so, dass rundherum viele Völker waren, die an viele unterschiedliche Götter geglaubt haben. Wenn dann ein Volk das andere besiegt hat, hieß es eben, dass der eine Gott auch stärker ist als der andere.“
„Deshalb musste Gott sich als starker Gott zeigen und sein Volk beschützen… Aber Er ist ja oft auch grausam gegen seine eigenen Leute…“
„Viele von diesen Stellen sind so, dass Gott die Menschen mehrmals warnt und klar ankündigt, was passieren wird, wenn sie so weitermachen – und dann zieht Er das eben auch durch, denn sonst würde Er unglaubwürdig werden.“
„Niemand würde Ihn ernst nehmen.“
Nachdenkliches Nicken von meiner Seite. „Mhm. Aber ganz ehrlich: ich tu mir auch sehr schwer mit manchen Stellen im Alten Testament. Wenn ich die lese, dann bete ich immer, dass ich Gottes Lebensatem, Seinen Heiligen Geist in mir ganz deutlich spüre und dass Er mir diese Stellen übersetzt. Nur ich glaube, ganz verstehen werden wir die Bibel nie.“
„Aber wir hören nicht auf es zu versuchen!“

Peters Lächeln und das Licht der ersten Straßenlaterne, die uns das nahe Zuhause verheißt, vertreiben die Dunkelheit.