Sein

Der Duft von frischem Bauernbrot mischt sich mit dem belebenden Aroma von Kaffee und Ostfriesen-Tee mit Milch.
Auch die anderen Dinge, die mein lieber Freund Peter und ich aus der kleinen Küche ins Wohnzimmer gebracht haben, meine ich riechen und beinahe schon schmecken zu können, während ich meine Blicke über den liebevoll gedeckten Frühstückstisch schweifen lasse.
Da ist der selbstgemachte Avocado-Aufstrich - jedes Mal ein bisschen anders aber immer sehr lecker. Daneben Butter, schwarze Oliven und die zwei bunten Teller mit aufgeschnittenen Tomaten und Mostviertler Schafkäse - beides mit Salz, Kürbiskernöl und frischem Basilikum aus dem Garten verfeinert. Und dann das kleine Glas mit dem gerösteten Sesampulver, dessen Name ich mir nie merke, das mir aber das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt, wenn ich nur daran denke.
Eigentlich ein ganz einfaches Mahl.
Aber vielleicht ist es deshalb auch etwas ganz Besonderes.
Weil es nur Dinge sind, die uns schmecken und weil wir sie gemeinsam eingekauft, gepflückt, geschnitten und angerichtet haben.
Und wegen der Gespräche, die wir beim Essen immer führen.

„So, fehlt noch was?“ weckt mich mein lieber Freund Peter aus meinen Betrachtungen.
„Nope, alles da. Nur hinsetzen müssen wir uns noch.“ lächle ich.
Was wir dann auch tun.
Und nach einem kurzen Innehalten – früher habe ich vor dem Essen ein Gebet gesprochen, aber seit einiger Zeit haben wir uns diesen kleinen stillen Moment angewöhnt – nehmen wir uns jeder eine halbe Scheibe Brot und etwas von den anderen Köstlichkeiten.

„Weißt du, ich höre jetzt auf damit.“ meint Peter, während er Butter auf sein Brot streicht.
Ich nehme eine Löffel Avocado-Aufstrich.
„Womit hörst du auf?“
„Es bringt mir nichts, immer mehr Wissen anzuhäufen und noch mehr zu lernen.“
„Wie meinst du das konkret?“
„Also ich höre schon noch Andachten und die Programme aus Indien und ich werde auch noch in die Gemeinde gehen – aber ich höre auf, irgendwelche dicken Bücher zu lesen oder lange Vorträge anzuhören.“
„Aber früher hast du dich doch ganz intensiv damit beschäftigt. Warum jetzt dieser Entschluss?“
Peter fischt nach einer Olive, die ihm immer wieder von der Gabel springt.
„Weil ich bemerkt habe, dass es nix bringt. Ich gehe jetzt den umgekehrten Weg. Je weniger ich weiß, umso näher komme ich Gott. So ist das. Je weniger ich mein Gehirn vollstopfe, umso mehr kenne ich Gott.“
Scheinbar sieht Peter mir meine Frage an, noch bevor ich sie ausspreche.
„Ich kenne ihn aus der Stille.“ sagt er.

In mir steigen die Tränen auf.
Sehnsucht und Glaubenszweifel bahnen sich ihren Weg an die Oberfläche.
Schweigend stehen wir auf und Peter nimmt mich in den Arm.

Nachdem der Gefühlssturm vorüber ist und ich mir die Tränen vom Gesicht gewaschen habe, kehre ich an den Tisch zurück. Ein Schluck vom Tee und ein Stück Brot mit Butter und Sesampulver verankern mich wieder im Augenblick.

„Weißt du,“ versuche ich mich zu erklären, „zur Zeit habe ich das Gefühl, ich höre Gott überhaupt nicht. Es waren jetzt so viele Dinge, wo ich dachte, ich hätte den nächsten Schritt erkannt, ich würde wissen, was Gott für mich und von mir möchte – und alles ist anders gelaufen. Jetzt habe ich Zweifel, ob ich noch darauf vertrauen kann, was ich höre und fühle, wenn ich glaube, Gott nahe zu sein oder Ihn und seinen Plan für mich zumindest ein bisschen zu kennen...“
„Es gibt keinen Plan.“
„Aber wir sollen doch wachsen und lernen und wir sollen Schritte im Glauben gehen, uns entwickeln…?“
„Und wo sollen uns diese Schritte hinführen?“
„Zu Gott.“
„Genau. Und da geht es nicht ums Wissen. Da geht es darum, dass du Gott nahe bist. Jetzt, in diesem Moment. Es geht ums Sein. Dazu brauche ich nichts wissen oder studieren. Dass Gott die Liebe ist, das erlebe ich in der Begegnung mit anderen Menschen und in der Stille.“
„...ich erlebe Gott im Schreiben...“ spreche ich meine Sehnsucht aus.
„Dann schreib!“ lächelt Peter.

Als wir nach dem Frühstück mit den Rädern am Fluss entlang fahren, malt die Sonne glitzernde Buchstaben auf das Wasser und der Herbstwind flüstert mir ihre Bedeutung ins Ohr.