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Der Moment

Flimmernd schwirrt das Licht in gleißenden Funken über dem Wasser.
Es blendet mich und als ich die Augen schließe, flitzt es weiterhin in Form von hell-bunten Diamantensplittern durch den dunkelgrauen Wolkenvorhang, den meine Augenlider dem Spiegelbild der Sonne entgegenzuhalten versuchen.
Die zu Weiß vermischten Farben tanzen im Einklang mit dem Brausen des Wassers, das in unermüdlichem Strömen die Felsen zerkleinert, die ein Stück stromaufwärts jetzt noch seine Oberfläche durchbrechen, aber bald – nach göttlichen Maßstäben – sein Bett bilden werden.
Ruhend wie ein schlafendes Tier lasse ich zu, dass Krabbel- und Flugtiere mich erkunden.
Sobald sie erkennen, dass ich weder Nahrung noch Nest bin, verlassen sie mich und ziehen weiter, eifrig oder träge, jedes nach seiner Art.

Ein Platschen schreckt mich auf.
Aber nicht Vogel oder Fisch unterbrechen das stetige Strömen des Flusses und das ziellose Treiben meiner Gedanken, sondern ein Stück Holz, das mein lieber Freund Peter ins Wasser geworfen hat.
Er steht oben an der Böschung und lächelt mir zu. Als ich nur zurücklächle, aber keine Anstalten mache, meinen Platz am Wasser zu verlassen, kommt er zu mir herunter und setzt sich neben mich auf den großen sonnenwarmen Stein.
„Was für ein schöner Tag im Paradies!“
Ich nicke.
Mir ist nicht nach Reden.
Peter merkt das und stimmt in mein Schweigen ein.

„Weißt du,“ beginne ich nach einiger Zeit, „in solchen Momenten kommen mir oft Zweifel.“
„Woran?“
„Ob ich wirklich so glücklich sein darf…“
„Warum solltest du es nicht sein dürfen?“ Peter ist erstaunt.
„Lebenserfahrung…“ seufze ich. „Es war einfach zu oft so, dass dieses Glück immer bezahlt werden musste, dass es nie ‚ungestraft‘ geblieben ist. Irgendwas Schlimmes ist immer passiert und das Glücklichsein war schnell vorbei.“
„Ich weiß nicht alles, was früher gewesen ist, aber jetzt darfst du glücklich sein! Denk nicht daran, was vorher war oder was noch kommen könnte – jetzt bist du hier. Und jetzt bist du glücklich!“
„Ja, aber…“
„Nix aber, Mädel! Jetzt. Du und ich. Hier. Mehr braucht‘s nicht.“
Das bringt mich zum Lachen.
„Hast ja eh recht…“ Ich bin nicht ganz überzeugt.
„Und Gott will auch, dass du glücklich bist. Jesus hat gesagt: ‚Ich bin gekommen, damit sie das Leben in Fülle haben.‘“
„Da habe ich letztens einen guten Vortrag zu dem Thema gehört.“ ergänze ich, „Der Vortragende hat gesagt, dass Gott die Menschen ja zu Beginn in einen Garten gesetzt hat und nicht in eine Fabrik…“
„In einen Garten, wie diesen hier…“ meint Peter und streckt sich.
„Ja, wahrscheinlich…“ seufze ich. „aber wir können nicht hierbleiben. Morgen muss ich wieder ins Büro…“
„Ändert das etwas daran, dass du jetzt in diesem Moment glücklich bist?“
„Es fällt mir so schwer, im Moment zu bleiben…“
„Aber jetzt ist der einzige Zeitpunkt, wo du wirklich hier sein kannst! Und es gibt nur einen einzigen Moment im Leben, an dem du Gott begegnen kannst: im Jetzt. Vergiss morgen!“
„Ich versuch‘s…“
„Nicht versuchen – tun!“
Nun muss ich wieder lächeln: „Du bist streng…“
„Muss ich ja sein, wenn du nicht brav bist!“ murmelt Peter schmunzelnd. „Schau dich um, Mädchen! Alles, was hier ist, schenkt Gott uns, damit wir uns entspannen, damit es uns gut tut. Also: brav sein und genießen! Die Arbeit kommt eh von selber.“
„Hm.“

Nachdenklich schaue ich aufs Wasser. Die Sonne ist weitergezogen und ihr Strahlen blenden mich nicht mehr ganz so hell.
In der Nähe des Ufers noch etwas weiter entfernt bewegt sich ein dunkler Fleck, der rasch näher kommt. Er scheint etwas hinter sich her zu ziehen.
„Peter schau mal!“ flüstere ich, als ich erkenne, was da auf uns zukommt.
Und dann halten wir kurz sogar den Atem an, um die Entenmutter und ihre winzigkleinen flauschigweichen absolut niedlichen um sie herumwuselnden Babyküken nicht zu stören, als sie ganz nahe an uns vorbeischwimmen.
In diesem Augenblick spüre ich, was Peter meint: ganz im Jetzt sein macht glücklich.
Es ist wie ein Moment, in dem zwei Menschen einander anschauen und lächeln - nur dass es jetzt Gott ist, dessen Blick mir liebevoll begegnet und dessen Lächeln mich mit Freude erfüllt.