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Wiedergeburt

Und, hast schon alles eingepackt für die Reise nach Indien?“ frage ich meinen lieben Freund Peter, während wir mit dem Auto am Ufer der Donau entlang zu unserem Ausflugsziel fahren.
Schon längst! Ich habe da meine Liste und zwei Wochen bevor es losgeht, stelle ich den Koffer hin und dann wird alles nach und nach hineingelegt. Am letzten Tag muss ich nur noch die paar Sachen einpacken, die ich bis dahin immer wieder brauche, aber das ist nicht viel.“
Ich lache. „Das mache ich genauso! Zwar nicht unbedingt zwei Wochen vor einer Reise, aber wenn drei Tage vorher noch nichts gepackt ist, dann werde ich nervös.“
Und der Rucksack ist sowieso ‚allzeit bereit‘.“
Genau, da ist immer alles drinnen, was man brauchen könnte – egal ob ich zur Arbeit gehe oder übers Wochenende irgendwo hinfahre. Ich hab da sogar ein Paar frische Socken drin.“
Ich auch! Und ein Buch“
Ohne Buch gehe ich nicht aus dem Haus.“
Wir sind uns so ähnlich…“ lächelt Peter. „Meinst du, wir haben uns früher schon gekannt?“
Was meinst du mit ‚früher‘?“ frage ich zurück.
Naja, in einem früheren Leben.“
Glaubst du an Wiedergeburt?“
Es scheint mir logisch. Und es hilft mir, die Dinge die passieren, nicht allzu schwer zu nehmen. Es bringt eine gewisse Leichtigkeit ins Leben, wenn man an die Wiedergeburt glaubt. Ich habe viele Menschen erlebt, die regelrecht verzweifelt waren und sich verkrampft haben, weil sie sich an dieses eine Leben geklammert haben.“
Aber wird das Leben und das was wir tun, für dich damit nicht weniger wertvoll? Es ist ja dann nicht mehr einzigartig…“ zweifle ich.
Einzigartig ist es trotzdem noch, jeder Moment ist einmalig und ich möchte ihn genießen! Aber wenn das Leben einmal vorbei ist, dann ist es eben so. Wir kommen in den Kreislauf zurück.
Das Körperliche hat nicht mehr so viel Wert und Gewicht, es ist nicht mehr alles auf das Vergängliche konzentriert, wenn ich mir bewusst mache, dass das alles sowieso bald weg ist. Die Seele ist das, was zählt. Unsere Seele und unsere Beziehung zur ersten Seele, zu Gott.“

In diesen Worten spüre ich wieder das, was mich an meinem lieben Freund so fasziniert – die Leichtigkeit, mit der er sein Leben lebt, mit der er für seine Familie und seine Freunde da ist und mit der er jeden Tag voller Freude als Geschenk annimmt, wie es mir so oft nicht gelingt.
Mittlerweile sind wir an dem Parkplatz angekommen, von dem aus wir unsere kleine Wanderung starten wollen. Wir nehmen unsere Rucksäcke, prüfen nochmal, ob alles dabei ist, was wir brauchen und machen uns gemütlich auf den Weg.
Da es ein eher grauer Herbsttag ist, sind wir die einzigen Wanderer und auch die Tiere haben sich scheinbar in ihre Nester und Höhlen zurückgezogen. Der leichte Nebel verwischt die Konturen der Bäume, er macht die Steine weicher und dämpft unsere Schritte. Wir genießen die Luft, die von Waldgerüchen gesättigt ist und sich dennoch wie frisch gewaschen anfühlt.

Nach einiger Zeit greife ich das Thema von der Fahrt wieder auf.
Peter, was du vorhin gesagt hast…?“
Hm?“
Ich verstehe schon, dass einem dann vieles leichter scheint und dass man nicht mehr so an den vergänglichen Dingen hängt, wenn man daran glaubt, dass man wiedergeboren wird… Und das ist ja auch etwas, was Jesus uns gelehrt hat, dass wir unser Herz nicht an irdische Schätze hängen sollen…“
„…sondern Schätze im Himmel sammeln!“
Ja, genau das. Also da sind sich die Lehren ähnlich. Aber ich bin davon überzeugt – und das lesen wir auch in der Bibel zum Beispiel in den Schöpfungstexten – dass Gott uns mit Körper und Seele und Geist einmalig erschaffen hat. Und das passt für mich mit der Wiedergeburt eben nicht zusammen. Wenn ich in einem neuen Körper wiedergeboren werde, dann habe ich alles vergessen, was ich in meinem vorigen Leben erlebt habe und der Körper ist dann ein ganz anderer. Er ist austauschbar.“
Ich denke nicht, dass wir alles vergessen.“, meint Peter. „Wenn ein Baby auf die Welt kommt, dann hat es auch schon bestimmte Eigenschaften und jeder Mensch hat von Anfang an Vorlieben und Begabungen, die nicht von seiner Umwelt kommen. Woher sollten wir das haben, wenn nicht aus einem vorigen Leben?“
Das könnte natürlich sein. Aber es kann auch sein, dass Gott diese Dinge in uns hineinlegt. Dass Er uns von Anfang an mit einer einzigartigen Persönlichkeit ausstattet. Wirklich wissen…“
„…können wir es nicht.“ beenden wir lächelnd den Satz gemeinsam.
Und dein Körper vergeht ja, wenn du stirbst.“, erklärt Peter weiter. „Du nimmst ihn ja auch nicht mit zu Gott, sondern nur deine Seele lebt weiter, oder? Also ist dein Körper für deine Seele nicht notwendig.“
Aber der Körper ist das Werkzeug, durch das wir mit Gottes Schöpfung und mit unseren Mitmenschen in Kontakt treten können. Und der Körper hat auch Auswirkungen auf unsere Entwicklung. Wenn ich zwei Meter groß wäre, dann wäre vermutlich meine Persönlichkeit auch anders, als sie jetzt in diesem Körper ist. Jede sinnliche Erfahrung prägt mich und wird gespeichert. Das alles würde ich verlieren, wenn ich nach dem Tod dann in einem anderen Körper wiedergeboren werden würde. Oder es würde mich zumindest ziemlich verwirren…“
Wie ist das mit dem Körper im christlichen Glauben? Was steht dazu in der Bibel?“ fragt Peter neugierig.
Ich seufze. „Sehr viel… und vieles davon widersprüchlich oder unklar. Es wurde auch viel interpretiert und ausgelegt und welche Antworten man zu dem Thema bekommt, hängt immer damit zusammen, wen man fragt. Das ist ein Bereich, mit dem ich mich auf jeden Fall noch näher auseinandersetzen möchte…“
Schweigend gehen wir weiter.

Dann fällt mir etwas ein: „Unser ehemaliger Pastor hat mir dazu mal etwas erklärt, das finde ich sehr nachvollziehbar und schön.
Er hat gesagt, dass unser Körper hier so etwas wie eine Hülle ist, wie bei einem Samenkorn. Darin wächst die unsterbliche Seele. Wenn wir sterben, dann vergeht diese Hülle, weil sie zu dieser Welt gehört. Aber Gott gibt uns einen neuen Körper, der genau zu unserer Seele passt und den haben wir dann ewig. Vielleicht sehen wir damit gleich aus wie hier, oder ganz anders – wir wissen es nicht. Aber die Menschen, die wir lieben, die werden wir erkennen.“
Auch eine sehr schöne Vorstellung…“ meint Peter. „Für mich war aber bisher nicht vieles hilfreich, was ich im Christentum über den Körper gehört habe.
Das ist in Indien ganz anders. Die Art, wie sie dort mit dem Vergänglichen umgehen, hat mich sehr angesprochen. Dort ist der Tod ganz normal und gehört zum Leben dazu. Da ist eine Leichtigkeit und eine Freude, die auch nicht aufhört, wenn jemand stirbt.“
Und wieder muss ich seufzen. Der Gedanke, einen geliebten Menschen durch den Tod zu verlieren, ist für mich das Gegenteil von Leichtigkeit. Das mag vielleicht daran liegen, dass ich damit bisher noch nicht viel Erfahrung habe.
Wir bleiben am Ufer eines kleinen Baches stehen, der mit seinem klaren Wasser den Wald belebt.
Kleine Fische stehen reglos über dem Kies am Bachbett und genießen die schwerelose Balance inmitten der Strömung – oder sie warten einfach auf Beute.
Über einigen entfernten Bäumen wirbelt eine Wolke aus gelben Blättern mit wilden Purzelbäumen durch die Luft und verteilt sich sanft auf dem Waldboden.
Weißt du“, beginne ich, „das ganze Thema ist interessant und wir könnten da noch stundenlang philosophieren und diskutieren, aber…“
„…wirklich wissen werden wir es erst, wenn wir gestorben sind.“ beendet Peter erneut meinen Satz.
Ich nicke zustimmend während Peter weiterspricht.
Wichtig ist, dass wir jeden Tag als Geschenk sehen, dass wir gut auf uns selbst, auf die anderen Menschen und auf Gottes wunderbare Schöpfung achten, und dass wir eine lebendige Beziehung zu Gott haben – weil Er die Liebe ist!“
Und bis dahin lerne ich von dir mehr Leichtigkeit…“
„…und ich von dir noch mehr über die Bibel und über Jesus!“
Lächelnd gehen wir weiter.

Ich glaube, ich weiß, warum wir uns hier von so unterschiedlichen Lehren angesprochen fühlen.“, meine ich nachdenklich.
Wegen was genau?“
Bezüglich dem Verhältnis zwischen Körper und Seele. Wir haben da einfach komplett unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Du hast viel erlebt, viel ausprobiert…“
„…und manches übertrieben!“ wirft Peter lachend ein.
Okay, das hab ich auch…“, lache ich mit, „aber nicht so wie du…! Nein, ernsthaft. Es ist einfach so, dass ich jetzt, nachdem ich im letzten Jahr so viel abgenommen hab, deutlich spüre, dass ich mich dadurch auch psychisch ‚erleichtert‘ fühle. Ich erlebe ganz intensiv, dass der Körper eine starke Auswirkung auf die Seele hat. Ich habe wieder genießen gelernt und das ist einfach schön. Deshalb ist jetzt eine Lehre, die das Körperliche als unwesentlich ansieht und wo man lernt, sich nur auf die Seele zu konzentrieren, nicht richtig für mich.“
Es passt nicht zu dem, was du grade erlebst und lernst.“, bestätigt Peter meine Überlegungen.
Aber“, spricht er weiter, „für mich ist es genau das, was ich brauche und was mir geholfen hat, geistlich zu wachsen. Dadurch, dass ich mich auf die Dinge konzentriere, die für die Seele wichtig sind, habe ich mehr Kraft und mehr Freude in meinem Leben.“
Also die Auswirkung ist bei uns beiden die gleiche.“
Schaut so aus. Wir kommen von verschiedenen Seiten zum gleichen Ergebnis. Nur das mit der Leichtigkeit…“ grinst Peter.
Da hast du aber auch einen großen Vorsprung und viel mehr Erfahrung! Und du musst nicht mehr arbeiten gehen! Da ist dann alles leichter!“ gebe ich lachend zurück und klettere auf einen umgestürzten Baum, der am Wegesrand liegt.

Peter hält mir seine Hand hin und ich balanciere mit verspielten Schritten über den Stamm – in der Gewissheit, dass mein lieber Freund mich mit Leichtigkeit festhalten wird, falls ich das Gleichgewicht verliere.