Startseite > unterwegs > die Suche III > Gespräch: Vergänglichkeit

Vergänglichkeit

In der kleinen Kirche auf dem Hügel ist es eisig kalt und als wir die schwere Holztüre öffnen, um wieder nach draußen zu gehen, kommt uns die klare Winterluft beinahe wärmer vor als die klamme Atmosphäre des verlassenen Gotteshauses.

„Lass uns hier herum gehen!“ sagt mein lieber Freund Peter und wendet sich nach rechts.
Und so stapfen wir durch den Friedhof, der die Kirche umgibt, um den alten Kirchturm herum, der mit seinen dunklen Steinen und der abgerundeten Bauform wie angeklebt an dem hellen Kirchenschiff steht und klettern über kniehohe Schneehügel, die ursprünglich wohl auf dem Kirchendach gelegen haben, immer die wundervolle Aussicht über das Voralpenland vor Augen.
Schließlich gelangen wir zur Vorderseite des Gebäudes. Auch hier ist eine Reihe Gräber zu erahnen – aber während alle anderen sorgfältig vom Schnee befreit wurden, sind diese hier teilweise bis über den Grabstein unter der weißen Decke verschwunden und verschmelzen mit der niedrigen Friedhofsmauer, vor der sie stehen.

Mein lieber Freund ist bereits die kleine Schneerampe hinuntergegangen, unter der sich noch drei Steinstufen erahnen lassen und steht vor dem etwas niedriger gelegenen Hauptteil des winzigen Friedhofs.
„Peter.“ rufe ich leise. „Komm mal her!“
Als er wieder bei mir steht – zwischen dem alten Sakralgebäude und den unter Schneehügeln verborgenen Gräbern – deute ich nach vorne und zeichne mit der Hand die Silhouette der Berge nach, die sich dunkelblaugrau am Horizont abzeichnen.
„Schau, wie gigantisch schön das ist… Die Berge dort ganz hinten, davor die sanfte Hügellandschaft…“
Peter nickt.
„Und dann schau mal hier.“ deute ich auf die Reihen von mehr oder weniger schön gepflegten Grabsteinen im Hauptteil des Friedhofs direkt vor uns. „Wir Menschen glauben, mit Steinen, auf denen unsere Namen stehen, bleiben wir ewig in Erinnerung… Aber dann kommt ein bisschen Schnee,“ ich zeige auf die Schneehügel links von uns, „und Regen und Sonne und nach einigen Jahren sind die Grabsteine verwittert und zugewachsen… Die Berge waren schon da, lange bevor wir denken können und sie werden noch lange nach uns stehen. Beeindruckend, das so direkt nebeneinander zu sehen…“
Ich verstumme.

Nach kurzem Schweigen verlassen wir den Kirchhof und gehen ein Stück den Hügel hinunter zu einem kleinen Brunnen.
„Der Tod ist eine Kellertreppe, auf der wir in unsere schöne helle Wohnung zurückgehen…“ flüstert Peter und trotz des ernsten Themas muss ich lächeln. „Das ist ein schönes Bild. Aus welchem Buch war das nochmal?“ fragt mich mein lieber Freund.
„‘Der Geschichtensammler‘ von Thomas Franke.“ antworte ich.
„Wir haben es uns hier im Keller schon ganz gemütlich eingerichtet…“ spricht Peter nachdenklich weiter, „und vielen Menschen ist gar nicht bewusst, dass sie hier nicht bleiben werden. Sie verdrängen das und hängen total an den materiellen Dingen. Ich möchte das alles loslassen können, das macht das Leben viel leichter.“
„Sammelt keine Schätze auf Erden…“ werfe ich ein.
„…sondern im Himmel! Genau. Und da geht es nicht nur um Dinge, sondern auch um Anhänglichkeiten und Abhängigkeiten zwischen Menschen. Davon sollen wir auch frei werden, weil am Ende nur die Seele bleibt und der Körper vergeht. Und die Seele kommt dann wieder.“
„Oh, Wiedergeburt…?“
„Ich weiß, da haben wir total unterschiedliche Vorstellungen!“ lacht Peter.
„Jup,“ bestätige ich, „da ist mir die Vorstellung aus der indischen Lehre sehr fremd. Vom Kopf her hab ich das schon ein wenig verstanden, dass die Seele in diesem Kreislauf der Zeit immer wieder kommt – aber wirklich glauben kann ich das nicht. Es entspricht auch nicht dem, wie ich uns Menschen sehe. Und helfen tuts mir auch nicht.“ Ich zucke mit den Schultern.
„Aber darüber müssen wir eigentlich auch nicht diskutieren,“ meint Peter, „weil wir es eh nicht wissen können. Da hat jeder seine Vorstellungen.
Wo wir uns einig sind, ist, dass wir auf dieser Welt nicht bleiben, sondern dass es noch mehr gibt. Und dass wir dann, wenn wir diese Welt verlassen haben, Gott ganz nahe sind…“
In stiller Verbundenheit machen wir uns auf den Weg zum Auto.

Weißgraue Ruhe kündigt das Fallen neuer Schneeflocken an, die keinen Unterschied zwischen Grabsteinen und Bergen machen.